Am 10. April vergangenen Jahres habe ich Jim kennengelernt. Wir waren zum Apfelkuchenessen eingeladen, und während der Gastgeber bei seiner Mutter in Wiesbaden das Rezept für den Kuchen erfragte, kam ich zum ersten Mal mit ihm ins Gespräch. Jim Pitt, Amerikaner, 24 Jahre, Germanistikstudent an der Freien Universität Berlin und nebenher Angestellter bei PanAm, wo er für die Ermittlung verlorengegangenen Gepäcks zuständig war.

Im Laufe des Jahres habe ich ihn öfter getroffen. Wir waren keine dicken Freunde, aber bestimmt "friends", wie die Amerikaner sagen würden. Und Amerikaner war Jim durch und durch. Was nicht heißen soll, daß er übermäßig patriotisch war. Er aß auch nicht pausenlos Hamburger oder trank Coke.

Aber er sah amerikanisch aus, großgewachsen und mit vollem dunklen Haar. Und vor allem war er mit amerikanischer Kultur aufgewachsen, der "anspruchsvollen" wie der populären, und darum war er für mich ständiger Anlaufpunkt für wichtige Fragen wie: "Was ist der Unterschied zwischen Softball und Baseball?"

Was man auch fragte, stets konnte man mit einer überraschenden Antwort rechnen. Einmal wollte ich wissen, ob die englische Fernsehserie "The Prisoner" auch in Amerika ein Erfolg gewesen wäre, worauf er mir begeistert die wichtigsten Sequenzen vorspielte, mit den originalen Dialogen.

Jim wußte nicht nur über amerikanische Kultur Bescheid. Selten ist mir so eindrucksvoll vorgeführt worden, was Allgemeinbildung heißen kann. Wenn er deutsch sprach, glaubte ich manchmal meinen Ohren nicht zu trauen, so schön und voller sprachlicher Entdeckungen waren seine Formulierungen.

Staunen mußte man also, aber nicht vor Ehrfurcht erstarren, denn dieses wandelnde Kulturwunder war auch noch lebendig und fröhlich. Während die kids hier in Berlin krampfhaft versuchen, amerikanische Begrüßungsrituale zu kopieren, zeigte er mir "the real thing", in allen Variationen. Er spielte Filmszenen nach, sang Popsongs vorwärts und rückwärts und zitierte Klassiker der Philosophie. Er mochte so vieles, seine Neugier auf alles, was in einem menschlichen Leben eine Rolle spielen kann, schien unstillbar.

Seine größte Leidenschaft waren wohl Bücher. Aber nicht nur das Lesen war ihm wichtig, er wollte jeden Schritt der Herstellung eines Buches kennenlernen, angefangen beim Baum, der für diesen guten Zweck gefällt wird. Wer Jim nicht kannte, mag fragen: Kann es so einen Menschen überhaupt geben? Tatsächlich erinnerte er auch mich an Tom Baxter, jene Filmfigur aus "The Purple Rose of Cairo", die von der Leinwand steigt, um das echte Leben kennenzulernen. Mit seiner Art verzaubert Tom die Prostituierten im Film und die Zuschauer, plötzlich ist da einer, der doch nur im Roman oder Film existieren kann, in der realen Welt nicht lebensfähig ist. Echte Menschen haben Launen, sagen die Unwahrheit, haben Hoffnung und Naivität verloren.