Von Brigitte Macher

Was denkt man beim Gleiten durchs weiße Nichts? – Man könnte so viel denken, aber das Denken hört einfach auf. Das Hirn wird ganz leer. Dem Dichter fielen vielleicht die vollkommensten Verse ein, dem Musiker die herrlichsten Melodien. Komponierte Grieg beim Langlauf?

Wir sind auf dem Weg zu den höchsten Bergen Norwegens, auf dem Weg nach Jotunheimen. Sonderbarer Name. Jotnen seien Berggeister, Trolle; sie dienten den Göttern, wird uns später der Wirt unseres Hotels erzählen. "Sind die Jotnen den Menschen gut gesinnt?" – "Eigentlich nicht sehr. Man muß sich hüten vor ihnen."

Daran muß ich jetzt denken, mutterseelenallein auf der kleinen Straße, die nur im Sommer befahrbar ist und in die das Schneemobil seine Spuren gezogen hat. Beim "Tyin-Hotel", das wie eine Arche im Schneemeer schwimmt und Flüchtlinge aus Iran und aus Afghanistan beherbergt, hatten wir unser Auto einfach kaltherzig im Schnee und unser Gepäck vertrauensvoll an der Snowmobil-Haltestelle abgestellt mit einem Zettel für den Fahrer, wo er es absetzen sollte.

Vor uns liegt der 20 Kilometer lange, schneebedeckte Tyin-See, der uns von unserem Hotel trennt. Mit dem Snowmobil fahren wollten wir nicht. Wir wollten laufen, aber sollten wir uns der verführerisch glatten Fläche anvertrauen, auf der vielleicht eine Scooter-Spur den vierstündigen Weg abkürzte? Oder sollten wir lieber den Telephonstangen folgen, die wie Taktstriche oberhalb des Sees die Strecke markierten? Ich entscheide mich für die Telephonstangen, die so beruhigend summen, mein Begleiter wählt den Seeweg.

Ein schwarzer Vogel krächzt über mir – einziger Laut in der atemlosen Stille. Nach einer Stunde halte ich nach dem Gefährten Ausschau. Weit draußen auf dem See bewegt sich ein schwarzer Punkt. Plötzlich löst er sich von der weißen Fläche und scheint auf mich zuzufliegen wie ein großer Vogel mit schwarzen Schwingen. Und dann ist der Punkt plötzlich weit, weit weg, bleibt hinter mir zurück, verschwindet im weißen Nirwana. Jetzt bin ich allein in der Schneewüste.

Meine Ski sausen wie von selbst, beflügelt von der Vorstellung, eventuell die Rettung des schwarzen Punktes auf dem See organisieren zu müssen. Ein dunkles Monster taucht in der Ferne auf. Das Snowmobil? Lautlos kommt es näher, geisterhaft. Ich warte auf das Motorengeräusch, trete schon aus der Spur und erkenne – den Schornstein einer vom Schnee begrabenen Hütte. Im diffusen Licht hatte er seine Gestalt vergrößert, verändert. Oder bin ich von den Jotnen genarrt worden?