Von Willi Bremkes

Am Image Mallorcas wird immer wieder herumgebastelt. Lange galt die Baleareninsel als Synonym für den modernen Massentourismus schlechthin. Dann, zu Beginn der achtziger Jahre, wurde der Begriff vom "anderen Mallorca" geprägt. Touristiker verwiesen auf abgelegene, kaum bekannte Gegenden des mallorquinischen Hinterlandes, die noch zu entdecken waren und unter Individualisten schon lange als Geheimtip galten. Geliebt und geschmäht – Mallorca war beides.

Nun sollen – so sieht es die neueste Tourismusstrategie vor – "gehobene soziale Schichten" für einen Urlaub auf dem Balearen-Eiland gewonnen werden: eine monetär potente Kundschaft, die hohe Preise für ihre besonderen Ansprüche klaglos akzeptiert. Nur so, glaubt Jaime Cladera, Tourismusminister der Balearen, werde er die Fehlentwicklungen stoppen können, die im Gefolge des Massentourismus um sich gegriffen haben. Unkontrollierte Bauwut führte zu einem Überangebot an billigen Hotelunterkünften. Trotz ständig steigender Besucherzahlen gingen damit die Einnahmen zurück, und immer mehr Landschaft verschwand unter Beton. Mit acht Millionen Gästen wird Mallorca in diesem Jahr voraussichtlich die absolute Rekordzahl an Urlaubern erreichen und damit das Äußerste an Belastung, was die kleine Insel zu verkraften imstande ist. Jaime Cladera versucht seit einigen Jahren, den wüsten Wucherungen Einhalt zu gebieten. Doch die Interessenskonflikte treten schärfer zutage als zuvor. Politiker und Naturschützer, Hoteliers und Spekulanten kämpfen mit immer härteren Bandagen.

Eigentlich wollte sich Jaime Cladera schon im vorigen Jahr von der Politik verabschieden und auf seinen früheren Posten als Universitätsprofessor in Madrid zurückkehren. Zu einem weiteren Verweilen im Amt mußte der allseits geachtete parteilose Fremdenverkehrsexperte mühsam überredet werden.

Cladera hatte, wie sich jetzt zeigt, die Widerstände gegen seine jüngst vorgelegte "Lex Cladera II" durchaus richtig eingeschätzt. Statt Zustimmung erntete er erbitterte Gegenwehr für diesen Gesetzesentwurf und den Versuch, dem sinnlosen Bauboom einen Riegel vorzuschieben. Claderas Gegner schreckten sogar vor Morddrohungen nicht zurück und unterstellten ihm Verbindungen zur Bau-Mafia. Der Minister wollte Hotelneubauten auf Häuser der gehobenen Klasse beschränken. Er plädierte für mehr Landschaftsschutz und sprach sich für mehr Landerwerb durch die öffentliche Hand aus. Nach einem zehnstündigen

Streit im Parlament zog Ministerpräsident Gabriel Canellas die Gesetzesvorlage Claderas zurück. Sie verschwand in einer Schublade, und auf Mallorca wird vorerst weitergewurstelt.

Der erste Versuch Claderas, die fortschreitende Betonierung der Mittelmeerinsel zu bremsen, hatte noch die Zustimmung des Parlaments gefunden. Die "Lex Cladera I" gebot, daß Hotels künftig nur in Zusammenhang mit Grünflächen von festgelegter Größe gebaut werden durften, um so den Freizeitwert der Ferienregionen zu garantieren. Diese Vorschriften wurden jedoch auf jede nur denkbare Weise unterlaufen. Unter Mißachtung der neuen Auflagen entstanden weitere Unterkünfte mit rund 100 000 Gästebetten. Nur ein Teil davon wurde nachträglich legalisiert; der Rest blieb staatlicher Kontrolle und damit dem Zugriff der Steuer entzogen.