Von Jean Luis Cebriän

Der gesellschaftliche Wandel, der sich in Spanien nach dem Tode Francos Bahn brach, kam nicht mehr überraschend. Auf mancherlei Weise hatte er sich schon in den letzten Jahren der faschistischen Ära angekündigt. In vielen Bereichen segnete der Anbruch der Demokratie nur eine Entwicklung ab, die unter der Oberfläche längst Bewegung in die spanische Gesellschaft gebracht hatte – eine Entwicklung, in der subkulturelle Querdenkereien, alternative Lebensformen und alle möglichen anderen Spielarten des Aufbegehrens heimlich, still und leise mit der Diktatur koexistiert hatten.

Die "Entscheidungsträger", die heute in Spanien in den Zentren der Macht sitzen, sind von diesen Jahren zwischen Diktatur und Demokratie entscheidend geprägt worden. Von der Verfolgung durch die politische Macht bis hin zur Einbindung in politische Entscheidungen hat diese Generation ganz unterschiedliche Formen der Beziehung zur Politik und zu Politikern erlebt. Den Bürgerkrieg kennen ihre Angehörigen nicht mehr aus eigener Erfahrung. Sie wurden in den vierziger Jahren geboren und erlebten ihre frühe Kindheit in den ersten Nachkriegsjahren. Heute heißen sie die "Sechziger" und das darum, weil sie in jenem Jahrzehnt die Träger der ersten politischen Proteste an den Universitäten und in den Fabriken waren. Doch war ihr Aufbegehren nicht isoliert. Sie waren das Sprachrohr der vielen kleinen Rebellionen, die zu Beginn der Sechziger überall in der spanischen Gesellschaft um sich griffen. Die soziale Unruhe, die davon ausging, bestimmte das ganze Jahrzehnt.

Damals beschloß die exilierte kommunistische Linke, die zuvor den Sturz Francos auf ihre Fahnen geschrieben hatte, ihre fruchtlosen Bemühungen aufzugeben. Statt dessen konzentrierte sie sich darauf, den offiziellen Gewerkschaftsapparat zu infiltrieren – eine Strategie, die schließlich zu den Comisiones Obreras führte, zu den kommunistischen Gewerkschaften.

Oder die katholische Kirche: Von den Veränderungen, die Papst Johannes XXIII. und das Zweite Vatikanische Konzil auf den Weg gebracht hatten, wurde sie in ihrem Inneren aufgewühlt. Sie begann, sich vom Franco-Regime abzusetzen, christliche Basisgruppen zu bilden, die Idee der Befreiungstheologie zu fördern und mit neuen Formen des Zusammenlebens zu experimentieren. Für die katholische Kirche war es die Zeit des Dialogs mit dem Marxismus und der Öffnung hin zu Gedankengut, das sie bis dahin wegen seines Laizismus oder Atheismus abgelehnt hatte.

Ein anderer Unruheherd war der europäische Tourismus. Zu Anfang der sechziger Jahre begann er, nach Spanien zu strömen. Gleichzeitig sahen sich viele Spanier gezwungen, ihr Land zu verlassen, weil sie Arbeit nur in anderen europäischen Ländern fanden. Beides führte nicht nur zu einer riesigen Wanderungsbewegung, sondern auch zu einem beispiellosen Erfahrungsaustausch, der viele Gewohnheiten des Durchschnittsspaniers entscheidend beeinflußte. Der Tourismus und die Emigration waren die beiden Vehikel, durch die er nach Jahren der Abkapselung zum erstenmal wieder mit bis dahin unbekannten oder verbotenen Ideen und Gedanken in Berührung kam.

Die Abwanderung eines Teils der Arbeiterschaft überschnitt sich mit einem Wirtschaftsaufschwung, der Spanien zum erstenmal eine Periode der Vollbeschäftigung bescherte. Er trug dazu bei, das Land den übrigen Konsumgesellschaften Europas ein Stück ähnlicher zu machen und entsprechende Verhaltensweisen zu fördern.