Die wachsende Zahl von 450-Mark-Jobs vernichtet Vollzeit-Stellen

Von Arne Daniels

Noch in der vergangenen Woche versuchten die Arbeitgeber das Problem mit dem Rechenstift zu lösen. Es gebe, verkündete die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), hierzulande seit Jahren nicht mehr als 400 000 der sogenannten geringfügig Beschäftigten – zuwenig, befanden die BDA-Funktionäre, um darin ein Problem zu sehen.

Daß Sozialpolitiker der CDU, allen voran die Vorsitzende der Frauen-Union, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, ebenso wie Gewerkschafter in jüngster Zeit unisono die drastische Zunahme dieser ungeschützten Arbeitsverhältnisse beklagen und ihre Zahl auf zwei Millionen beziffern, scheint die Unternehmer nicht zu irritieren. Anstatt sich in ihren eigenen Mitgliedsverbänden umzuhören, übernahmen sie schlicht die Daten des Statistischen Bundesamtes. "Und wer", so fragt ein BDA-Sprecher, "könnte es besser wissen?" Die Antwort ist einfach: zum Beispiel die betroffenen Wirtschaftsbranchen.

Allein im Handel und in der Gebäudereinigung arbeiten nach Auskunft der jeweiligen Verbände zusammen mehr als 620 000 Geringverdiener, und diese Angaben liegen noch deutlich unter den Schätzungen der Gewerkschaften. Die quantitative Erfassung der geringfügig Beschäftigten – das sind jene Mitarbeiter, die weniger als fünfzehn Stunden in der Woche tätig sind und dabei nicht mehr als 450 Mark monatlich verdienen – ist ausgesprochen schwierig, die Dunkelziffer hoch. Nach einer neuen, noch unveröffentlichten Studie ist die Zahl der Geringverdiener in der Bundesrepublik fast sechsmal so hoch, wie die BDA behauptet: Die großangelegte Untersuchung kommt auf 2,3 Millionen dieser ungeschützten Jobs, einschließlich nur vorübergehender Beschäftigungsverhältnisse. Der Frauenanteil liegt bei sechzig Prozent. Vierzehn Prozent dieser Stundenlöhner, so die Studie, arbeiten in Industrie und Handwerk, zwölf Prozent im Handel, elf Prozent allein im Reinigungsgewerbe und acht Prozent in der Gastronomie. Die größte Gruppe, rund ein Viertel, ist in privaten Haushalten beschäftigt-, als Babysitter, Haushaltshilfe oder Putzfrau.

Daß sich gerade die Arbeitgeber bislang bemühen, das Problem herunterzuspielen, darf nicht verwundern. Schließlich sind sie es, die am meisten von der bisherigen Regelung profitieren. Für diese Arbeitnehmer müssen keine Sozialversicherungsbeiträge bezahlt werden; lediglich zehn Prozent Lohnsteuer (von 1990 an fünfzehn) hat der Arbeitgeber pauschal an den Fiskus zu überweisen.

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