Das Baby liegt in seinem Bettchen und schläft. Ein anrührendes Bild. Die Deutsche Bundespost hat es für eine Anzeige gewählt, um einen neuen Dienst zu verkaufen: "ISDN – Sprache, Text, Bild, Daten. Alles über ein Netz." Das schlafende Baby auf der ganzseitigen Farbanzeige wird sozusagen zur Postsache erklärt. Und das geht so: "Sollte dieses Baby einmal krank werden, kann sich der gerufene Arzt auf seinen Besuch besser als bisher vorbereiten. Mit Hilfe von ISDN, dem neuen Kommunikationsnetz der Post, fordert er blitzschnell alle notwendigen Informationen ab." Er wird die Klinik anrufen, in der das Baby geboren wurde, um über Telefax Auszüge aus dem Geburtsjournal zu erhalten. Er kann über das neue Kommunikationsnetz auch die Computer der Kassenärztlichen Vereinigung erreichen, um dort Informationen über frühere Diagnosen und Behandlungen zu erhalten, denn die Kassenärztlichen Vereinigungen sammeln überall in der Bundesrepublik die Behandlungsdaten der Pflichtversicherten – bislang allerdings nur zu Abrechnungszwecken.

Also, wenn man dies alles liest in der Anzeige, muß man die Post ob ihrer Bemühungen um moderne Kommunikationstechnologie im Dienste des Menschen loben. Dank ISDN wird in Minutenschnelle alles geregelt, und der Arzt kann flink und zuverlässig seine Diagnose stellen und helfen.

Wirklich? Wollte die Post ihr Versprechen halten, dann müßten mit einem engmaschigen Kommunikationsnetz erst einmal alle eingefangen werden, die Krankheitsdaten erheben, und natürlich auch jene, die Krankheitsdaten liefern, die Patienten nämlich. Die werden aber, in Sachen Datenschutz sensibilisiert, zu Recht nicht damit einverstanden sein, daß ihr Arzt alle ihre persönlichen und intimen Mitteilungen einem Computer weitergibt, der auch das Netzwerk der Post bedient. Die Ärzte haben ja schon Schwierigkeiten, ihre Patienten für die Weitergabe von medizinischen Daten zu seriösen und wichtigen Zwecken zu gewinnen – die fehlende Krebsstatistik in unserem Lande ist nur ein Beispiel. Und nun die Datenfütterung für Schwarz-Schillings ISDN?

Auch ganz vordergründige Schwierigkeiten werden dem Minister, der nun auch Babys retten will, im Wege stehen. Nur wenige Ärzte verfügen über Praxiscomputer. In Hamburg sind es nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung kaum 100 von den 2000 niedergelassenen Ärzten. Daran wird sich in Zukunft nicht viel ändern, denn die Einnahmen der Ärzte werden zurückgehen. Obendrein sind die Rechner auf Honorare programmiert, nicht auf die genauen Daten der Patienten. Dafür gibt es noch gar keine Software.

Auch die geburtshilflichen Abteilungen der Krankenhäuser, die der Arzt laut Anzeige der Bundespost erreichen kann, verfügen in der Regel nicht über einen Computer, in dem geburtshilfliche Daten gespeichert sind. Sie sind in Krankenblättern oder Geburtsjournalen zu finden. Sie nachts oder an Feiertagen herauszusuchen, wenn die Sekretariate nicht besetzt sind, ist fast unmöglich. Über den Hinweis, Krankenblätter mit einem Fernkopierer zu versenden, kann man nur lachen oder verzweifeln: Postbeamte und Werbeagenturen haben offenbar keine Ahnung vom Alltag im Krankenhaus. – Es bleibt also doch irgendwie schwierig, der Post unsere kranken Babys anzuvertrauen. Die, wie wir einfach mal unterstellen wollen, gutgemeinte Absicht, mit ISDN dem Arzt die Diagnose zu erleichtern, scheitert an der Wirklichkeit: am Datenschutz, an der Ausstattung von Arztpraxen und Krankenhäusern.

Aber auch ohne ISDN sind wir in der Lage, in Sachen ISDN-Anzeige eine Art Diagnose zu stellen: Das Baby als Postsache soll vor allem der Post helfen. Und die Prognose für solche Sachen? Infaust – also ungünstig.

Hans-Harald Bräutigam