Plagt FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff das schlechte Gewissen? Er hatte deutlich spüren lassen, daß er Martin Bangemann, seinen Vorgänger im Parteivorsitz und Nachfolger im Bundeswirtschaftsministerium, auf keinem der beiden Posten für eine Idealbesetzung hielt. Nachdem Bangemann seinen Platz in der Brüsseler EG-Kommission eingenommen hat, erreichte ihn nun per Telegramm eine herzliche Gratulation vom Grafen.

Lambsdorff feiert darin Bangemann als einen deutschen Liberalen, "der nicht nur mit Leib und Seele Europäer ist, sondern als erfolgreicher früherer Bundeswirtschaftsminister die notwendige Erfahrung für diese Aufgabe mitbringt". Da konnte Bangemann versucht sein, seinen unvergessenen Kommentar auf einen Lambsdorff-Zwischenruf im Bundestag zu wiederholen: "Vielen Dank, Graf Lambsdorff, für das Stichwort. Manche Ihrer Stichworte sind sogar brauchbar."

Am 1. Februar will das Bundeskabinett die Fünfte Novelle zum Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) beraten. Diese Gesetzesänderung ist vor allem deshalb umstritten, weil sie weitgehend den Wünschen des mittelständischen Einzelhandels entgegenkommt, zudem angesichts der Diskussionen um ein europäisches Wettbewerbsrecht reichlich sinnlos erscheint. Die Mittelstandslobby hält die Kartellnovelle jedoch für unentbehrlich, um den Konzentrationsprozeß im Handel zu bremsen.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat jetzt ein Papier angefertigt, das (mit Zahlen des Bundeskartellamts) belegt, daß sich der Konzentratioisprozeß im vergangenen Jahr deutlich verlangsamt hat. So sank von 1987 auf 1988 die Zahl der Zusammenschlüsse im Lebensmitteleinzelhandel von 50 auf 16; das übernommene Umsatzvolumen ging im gleichen Zeitraum um 82 Prozent zurück.

Daraus zieht das Ministerium den Schluß, "daß die besonders alarmierenden Zahlen des Jahres 1987 offensichtlich auf Sonderfaktoren beruhten’. Von einem sich beschleunigenden Konzentrationsprozeß im Lebensmittelhandel könne jedenfalls nicht die Rede sein.

Es sieht ganz so aus, als ob der neue Wirtschaftsminister Helmut Haussmann sich dem Druck der Lobbyisten nicht von vornherein beugen will. Wie anders ist die Feststellung zu verstehen, die Entwicklung im Handel solle "insbesondere zur Abwehr weitergehender Forderungen in die weitere Novellierungsdiskussion eingebracht werden".

Deutsch ist bekanntlich eine schwere Sprache, Fachchinesisch scheint aber noch um einiges komplizierter zu sein. Der CSU-Abgeordnete Lorenz Niegel beherrscht dieses Idiom ganz gut. In einem "Schreiben bezuglich der Umsetzung der Milchhygienerichtlinie der EG" wandte er sich hilfesuchend an die unter anderem für Gesundheitsfragen zuständige Ministerin Ursula Lehr.