Er wird oft als "Neurotiker" oder "Rentenjäger" diffamiert. Er blickt auf eine jahrelange Patientenkarriere zurück, hat es mit Tabletten und Spritzen, Massagen und manchmal auch mit Operationen versucht und ist immer noch krank: der chronische Schmerzpatient.

Karl Kenke, der an Rückenschmerzen leidet, ist so ein Fall. Er steht für etwa 400 000 chronisch Schmerzkranke in der Bundesrepublik, denen auch eine fachgerechte Behandlung kaum Linderung oder gar Schmerzfreiheit bringt. Keine körperlichen Veränderungen erklären bei diesen Problemfällen Dauer und Ausmaß ihrer Schmerzen. Sie haben sich verselbständigt zu einer eigenständigen Krankheit. Fachleute sprechen von der "Schmerzkrankheit".

Als der Arzt Kenke rät, doch einmal mit einer Psychologin zu sprechen, sagt er trotzig: "Vom Reden allein gehen die Schmerzen auch nicht weg." Er fürchtet, daß die Psychologin ihn für verrückt erklärt und ihm die Schmerzen nicht glaubt. Karl Kenke ist der Schmerzpatient schlechthin, eine Erfindung und eine Filmfigur, erschaffen aus den Erfahrungen in der Schmerzambulanz der Universiät Göttingen. Die Psychologin Carmen Franz hatte die Idee und fand bei ihrem Chef, dem Anästhesisten Jan Hildebrandt, Unterstützung. Zusammen mit zwei jungen Filmemachern entstand ein Drehbuch, dessen Umsetzung die Kölner "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" und der Südwestfunk ermöglichte. Jetzt hat der Film "Schmerz" im Fernsehen Premiere. Er will aufklären, nicht unterhalten. Daß er nicht penetrant belehrend wirkt, ist Karl Kenke alias Günter Lamprecht zu verdanken. Der Schauspieler schafft es, die vielen sprachlosen und nachdenklichen Szenen zu füllen und den Zuschauer mit Karl Kenke fühlen und denken zu lassen.

Die Handlung: Der Industriekaufmann Kenke trainiert "im Nebenberuf" Radsportler. Er ist ein richtiger "Antreiber" und überfordert seinen Schützling, der deshalb einen Unfall verursacht und ins Krankenhaus muß. Während die Ärzte den gestürzten Sportler behandeln, regt das Schild "Schmerzbehandlung" Kenke zum Nachdenken an. Bilder aus seinem Leben tauchen auf und immer wieder Gesprächszenen: er und eine Psychologin. Er begreift allmählich, daß seine Lebensweise und seine Psyche etwas mit seinen Rückenschmerzen zu tun haben. Das ist keine Heilung, aber diese "schmerzhafte Erkenntnis" markiert den Beginn einer Therapie mit Chancen.

Für Carmen Franz, die den 45minütigen Film in ihrer Gruppenarbeit einsetzt, war es der schönste Lohn, als Schmerzpatienten nach der Filmvorführung sagten: "Genau so ist es auch bei mir." Immer wollen sie funktionieren, geben eine Überforderung nicht zu, zeigen keine Gefühle, schlucken Ängste hinunter, "klotzen ran" wie Karl Kenke. Und Rücksicht auf sie nimmt keiner, nicht einmal sie selbst. Die Muskeln verspannen sich, verstärken die Schmerzen. Schmerz – Streß – Schmerz ... ein Teufelskreis entsteht, der auch den Medikamentenverbrauch hochtreibt.

"Psychotherapeutische Verfahren haben einen zentralen Stellenwert bei der Behandlung chronischer Schmerzzustände", betonte schon 1986 die vom Bundesforschungsministerium in Auftrag gegebene Schmerzexpertise. Außer Gesprächstherapien gehören dazu spezielle Muskelentspannungsübungen und autogenes Training, Erlernen von Schmerzbewältigung und sogenannte Biofeedbackverfahren zum Beispiel bei Spannungskopfschmerzen. Den Erfolg melden Sensoren über einen Bildschirm. Diese Verfahren haben eines gemeinsam: sie setzen eine Motivation des Patienten voraus und weisen ihm wieder eine "aktive Rolle im Behandlungskonzept" zu.

Die Göttinger Schmerztherapeuten Carmen Franz und Jan Hildebrandt sehen solche "psychologische Verfahren" nicht als Alternative zu jeder medizinischen Therapie und jeder Krankengymnastik, sondern wollen sie in eine umfassende, interdisziplinäre Schmerztherapie eingeschlossen wissen: "Die Wahrheit aber ist, daß in der Bundesrepublik die medizinische Versorgung chronischer Schmerzpatienten nicht ausreichend gewährleistet ist. Die vorhandenen Schmerzambulanzen und Kliniken sind häufig fachlich und personell überfordert. Auch den niedergelassenen Ärzten fehlt häufig die Möglichkeit, eine Chronifizierung akuter Schmerzen durch rechtzeitige und konsequente Therapie zu verhindern."