Von Wilfried Kratz

Der deutsche Elektrokonzern Siemens zog im November aus, die britische Elektronik-Gruppe Plessey einzufangen. Diese Expedition wird für die Münchner zum Abenteuer. Das Opfer wehrt sich nämlich nicht nur mit allen Kräften, Siemens muß nun auch damit rechnen, seinen Jagdgenossen zu verlieren. Denn der britischen General Electric Company (GEC) droht nun selbst eine Übernahme, deren treibende Kraft pikanterweise Plessey ist.

Siemens wird in etwas hineingezogen, das selbst das in Sachen Übernahme hyperaktive Großbritannien in dieser Form und Größenordnung noch nicht erlebt hat. Die rasanten Drehungen des Fusionskarussells produzieren immer neue Varianten des in Mode kommenden unternehmerischen Zeitvertreibs, nämlich Imperien zu übernehmen, zu zerlegen und neu zusammenzufügen. Ein Gewinner steht in jedem Fall fest: das Übernahme- und Fusionsgewerbe, welches nur zu gern seine Dienste anbietet.

Bis vor kurzem galt GEC als unantastbar, der mit Abstand größte Elektrokonzern des Landes mit 157 000 Beschäftigten hat einen Umsatz von fast neunzehn Milliarden Mark und einen Börsenwert in ahnlicher Höhe. Er spielt eine wichtige Rolle für die Rüstungspolitik des Landes. Ein solches Unternehmen diktiert normalerweise das Geschehen, es übernimmt, wird aber nicht übernommen.

Diese Einschätzung hat sich nun grundlegend geändert. Plötzlich ist GEC "im Spiel", wie der Börsenjargon lautet, und alles erscheint jetzt möglich. Auslösendes Moment war der gemeinsame Übernahmeplan von GEC und Siemens für Plessey. Das Opfer organisierte eine energische Verteidigung, die schließlich in den verwegenen Plan mündete, dem Jäger zu entgehen, indem man ihn selbst jagt. Die Londoner Merchant Bank Lazard Brothers, welche Plessey berät, gab in knapper Form die neue Taktik bekannt: Ein Reihe von internationalen Industrieunternehmen diskutiere die Bildung eines Konsortiums, welches GEC übernehmen soll. Barclays Bank will für die Zwischenfinanzierung sorgen. Anschließend soll die Beute aufgeteilt werden.

Seit der kurzen Mitteilung brodelt es in der Gerüchteküche. Wer sind die Teilnehmer dieses Konsortiums, und was haben sie konkret vor? Kann ihr Griff nach GEC die Wettbewerbsbehörden passieren? Was wird die EG-Kommission in Brüssel dazu zu sagen haben?

Aktiver Spieler ist zunächst einmal die um ihre Selbständigkeit kämpfende Firma Plessey. Einbezogen wurde die Elektronikgruppe STC, die Interesse vor allem an der Telekommunikation hat. Dabei ist auch der französische Thomson-Konzern, der ein Auge auf die Rüstungselektronik geworfen hat. Aus den USA hat sich General Electric gemeldet. Dieses Unternehmen, nicht zu verwechseln mit dem britischen Namensvetter, dürfte sich für die Bereiche Stromerzeugung, elektrische Konsumgeräte und Medizintechnik interessieren. Intensive Gespräche sind im Gange, um die richtige Form und Strategie des Konsortiums zu finden und eine überzeugende Präsentation zu formulieren. Der erste Schuß auf GEC, so meint man in der Londoner City, müsse wenigstens sechs Milliarden Pfund (rund neunzehn Milliarden Mark) wert sein und könnte das Opfer womöglich doch noch nicht zur Strecke bringen.