Bisher waren, wenigstens in den wichtigen Dingen des Lebens, die Verhältnisse einigermaßen übersichtlich. Spielte eine Fußballmannschaft schlecht, war der Trainer schuld – und wurde gefeuert. Spielte ein Theater schlecht, war der Intendant schuld undsoweiter.

Nun aber ist dem Berliner Kultursenator Volker Hassemer ein Coup gelungen, der unsere ewige, heißgeliebte Theaterkrise zwar nicht unmöglich macht, dafür aber immerhin unübersichtlich: Gleich vier Direktoren werden von der Saison 1990/91 an über Glück und Elend der Berliner Staatlichen Schauspielbühnen entscheiden – die Herren Alfred Kirchner, Alexander Lang und Volkmar Clauß sowie die Dame Vera Sturm.

Da es leider viel mehr schöne Theater als gute Intendanten gibt (ach Hamburg! oh Bogdanov!), ist die Berliner Lösung wenn schon nicht das Ende, so doch die Quadratur der Krise. Ein Modell geradezu für die Lösung künftiger Führungsfragen: Wenn keiner mehr Chef werden will, soll eben einfach jeder Chef werden. Dann ist bei der nächsten Theaterkrise (warte nur, balde!) auch keiner so richtig, richtig alleine schuld.

Vielleicht produziert Hassemers Streich einige schöne Aufführungen, demnächst in diesem miesen Theater. Schon heute garantiert er schöne Titel, schöne Gehälter, schöne Abfindungen. Kirchner soll als "Generalzuständiger" oder "Generaldirektor" wirken, Lang als "künstlerischer Direktor", Clauß als "geschäftsführender Direktor". Ob die wahrhaft fähige Dramaturgin Vera Sturm ihr Amt unter dem Titel "Dramaturgiedirektorin" oder "Generaldramaturgin" ausüben wird, ist bis zur Stunde noch nicht bekannt.

Den Kultursenator Hassemer nannte einstmals Claus Peymann (in einem seiner berüchtigten Wahrheitsanfälle) einen "gutaussehenden Dilettanten". Augenzeugen der Pressekonferenz, in welcher Hassemer seine verwirrende Lösung strahlend guter Laune bekanntgab, versichern glaubhaft, daß die persönliche Attraktivität des Senators ungebrochen sei.

Ach ja, eine künstlerische Regierungserklärung gab es auch noch, formuliert wurde sie, wie es sich gehört, vom demnächst Generalzuständigen. "Wir möchten", sagte Alfred Kirchner, "eigentlich gutes Theater machen".

Das hat er aber gut gesagt. Eigentlich. Finis