Vor 55 Jahren erhielt Werner Heisenberg den Nobelpreis für seine quantentheoretische Arbeit. Heisenberg gehörte zur ersten Generation von Atomphysikern, deren Forschung anschaulich kaum mehr zu fassen ist – die sich aber nicht nur philosophisch, sondern auch ethisch und politisch mit neuen Problemen konfrontiert sah. Fast zwei Jahrzehnte arbeitete der Kernphysiker Hans-Peter Dürr mit ihm zusammen. Gemeinsam suchten sie nach einer einheitlichen Theorie der Elementarstrukturen, nach einer "Weltformel". Mit philosophischem Sinn nach integrierenden Lösungen zu suchen, Toleranz sowie die Bereitschaft, sich von anderen überzeugen zu lassen: das war Heisenbergs Stil.

Dieser Stil kennzeichnet auch das neue Buch seines Freundes Hans-Peter Dürr. "Das Netz des Physikers", so der Titel des im Carl Hanser Verlag erschienenen 490 Seiten starken Werkes, enthält 32 Reden und Aufsätze, darunter zwei Erinnerungen an den großen Forscher. Mit ihnen will Dürr "Appetit auf eine intensive Lektüre der Heisenbergschen Schriften" wecken – und das gelingt ihm. Dürrs Buch ist in drei Teile gegliedert; sie heißen Physik und Erkenntnis, Wissenschaftsethik und ihre praktische Umsetzung sowie Friedenspolitik. Überleitende Texte geben den historischen Zusammenhang wieder.

"Das Netz des Physikers" – das weckt Assoziationen zum Projekt "global challenges network", eine von Hans-Peter Dürr gestartete internationale Aktion, die vor allem Wissenschaftler motivieren soll, sich der "globalen Herausforderungen" anzunehmen. Leider führt der (verkaufstechnisch geschickt gewählte) Titel hier in die Irre. Dem Buch ist über das "network" nicht viel zu entnehmen. In dem ersten, vielleicht besten Aufsatz dieses Sammelbandes ist vielmehr von einem anderen Netz die Rede. Der Autor zitiert die Parabel des britischen Astrophysikers Sir Arthur Eddington: Ein Ichtyologe, ein Fischkundiger also, fängt Fische mit einem Netz und formuliert zwei Grundgesetze: 1. "Alle Fische haben Kiemen", 2. "Alle Fische sind größer als fünf Zentimeter". Da kommt der Philosoph einher und sagt: "Das zweite ist kein Gesetz. Vielmehr hat dein Netz eine Maschenweite von fünf Zentimetern." Unbeeindruckt entgegnet der Forscher: "Über das, was ich nicht fangen kann, kann ich auch nichts sagen."

Das "Netz", mit dem die Physiker "fischen", nämlich ihre physikalische Weltvorstellung, sei bereits eine Abstraktion und könne nicht die ganze Wirklichkeit erfassen, meint Dürr. Allerdings sei das Netz nicht willkürlich geknüpft. Er argumentiert ähnlich wie der Biologie Rupert Riedl in seiner "evolutionären Erkenntnistheorie": "Das Netz ist gewissermaßen ein Werkzeug für das Überleben der Gattung Mensch. Das Werkzeug des Denkens muß also an die Wirklichkeit angepaßt sein."

Wie die Physik des 20. Jahrhunderts philosophisch zu deuten sei, ist nach wie vor umstritten. Die Quantenmechanik räumte auf mit der Vorstellung, daß Materie stets so aussehe wie die Dinge, mit denen wir es seit eh und je zu tun haben. Wir können die Mikrowellen nur noch mathematisch oder in Gleichnissen aus unserer Umgangssprache beschreiben. Gewohnte Bilder wie "Welle" oder "Teilchen", "Objekt" und "Beobachter" führen dabei zu Widersprüchen, die unserem anschaulichen Denken absurd .erscheinen. Diese Probleme sind nicht neu, aber bei Dürr gut nachvollziehbar dargestellt. Sie geben dem alten Streit der Philosophen neue Nahrung, ob es eine vom Bewußtsein unabhängig existierende, also objektive Realität gebe.

Dort allerdings, wo die Physik unanschaulich wird, wird die Philosophie allzuoft nur undeutlich. In dem Bemühen, das modische Bedürfnis nach "ganzheitlichem Wissen" zu befriedigen, gerät so mancher ins Schwärmen und hält letztendlich der reduktionistischen Botschaft "Das Ganze ist nichts als die Summe seiner Teile" lediglich entgegen "Das Ganze ist nichts als das Ganze". In einem schlecht redigierten Interview, das besser keinen Eingang in dieses Buch gefunden hätte, formuliert sich Dürr in die Nähe dieser Ideologie; in anderen Texten dagegen bestätigt er die Berechtigung des analytischen Denkens.

Heisenberg und viele andere haben aus der erkenntnistheoretischen Problematik der neuen Physik Konsequenzen gezogen; sie wagten die von Einstein geforderte "kühne Spekulation" und wählten neben dem rationalen auch den intuitiven Weg zur Erkenntnis – das beschreibt Dürr sehr plastisch. Er sieht im Dogma den schlimmsten Feind des Denkens.