Von Janusz Tycner

Er hat innerhalb weniger Stunden zugesagt, obwohl das Angebot, Industrieminister zu werden, wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Daß gerade ihm, Parteimitglied zwar, aber gleichzeitig Millionär und Privatunternehmer, eines der wichtigsten Ämter der Volksrepublik Polen anvertraut werden sollte, interpretierte Mieczyslaw Wilczek als ein unverkennbares Zeichen der Zeit. Einer Zeit, in der in Polen endlich mit der Wirtschaftsreform ernst gemacht werden soll.

Außerdem, sagt er, wäre es wirklich unangebracht, einem Politiker vom Format Mieczyslaw Rakowskis die Hilfe zu verweigern. Nein, er ist mit dem neuen Premierminister nicht befreundet, aber sie haben Zeit genug gehabt, einander im Parlament und in der "Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftsinitiativen" kennen- und schätzen zu lernen.

Dieses Vertrauensverhältnis ist von großer Bedeutung. Denn das Sanierungsprogramm, das Wilczek sofort nach seiner Ernennung Mitte Oktober zu verwirklichen begann, wurde mittlerweile zum wichtigsten Bestandteil der politischen Strategie Mieczyslaw Rakowskis. Einer Strategie, deren Erfolg ungewiß ist und weitgehend vom Können des neuen Industrieministers abhängen wird, aber – davon ist Wilczek überzeugt – den von Versorgungsengpässen geplagten Polen einleuchten dürfte: zuerst die Wirtschaft halbwegs in Ordnung bringen, ehe man sich, wenn überhaupt, auf riskante politische Experimente einläßt. Polen, so verlautet es seit einiger Zeit aus offiziellen Kreisen, brauche keinen runden, sondern einen vollen Tisch.

Sah es bis Anfang Oktober noch danach aus, daß es unter Umständen wenigstens zu einer partiellen Wiederzulassung der Solidarność kommen könnte, so ist heute an den Äußerungen führender Politiker des Landes abzulesen, daß sie auf absehbare Zeit von dieser Überlegung Abschied genommen haben. Zu groß und sicherlich nicht unbegründet ist ihre Angst, daß sich die Situation aus den Jahren 1980/81 wiederholen könnte, als Solidarność legal agierte, das Land im Chaos zu versinken und die kommunistische Partei ihre führende Rolle endgültig zu verlieren drohte.

Deswegen sind auch bis jetzt die Vorbereitungen gescheitert, am "runden Tisch" zu verhandeln. Verbittert behaupten heute die Vertreter der Opposition, das Gesprächsangebot der Regierung, das Ende August eine große Streikwelle zum Stillstand brachte, sei nur ein taktisches Ablenkungsmanöver gewesen. Im Regierungslager begegnet man diesem Vorwurf mit einem Gegenvorwurf: Die Opposition denke gar nicht daran, gemeinsam mit der Regierung die Krise zu bewältigen, sie sei vielmehr darauf bedacht, den Sozialismus abzuschaffen.

Wie dem auch sei: Die Regierenden wissen, daß die Zeit knapp ist. Denn sobald der Winter zu Ende geht, kann es zu neuen heftigen Unmutsäußerungen kommen. Bis zum Frühjahr also gilt es, wenigstens eine kleine wirtschaftliche Besserung vorzuweisen, um die Menschen davon zu überzeugen, daß es von jetzt an nur noch besser werden kann. Sollte dieses gelingen, könne man, so scheint das Kalkül zu sein, mit einer vorläufigen Entlastung an der "politischen Front" rechnen.