Ein ZEIT-Interview

ZEIT: Herr Bräutigam, sechs Jahre und sieben Monate waren Sie unser Ständiger Vertreter bei der DDR. Was war die schwerste Stunde Ihrer Amtszeit? Was Ihre bewegendste Erfahrung?

Bräutigam: Die schwierigste Zeit – das war während der Debatte über die Stationierung der Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik. Damals tat sich zum erstenmal in den vielen Jahren, in denen ich mit der Deutschlandpolitik zu tun hatte, ein Gegensatz zwischen Teilen der Bevölkerung in beiden deutschen Staaten auf: Das Verständnis vieler DDR-Bürger, die unsere Politik bis dahin mit großer innerer Anteilnahme verfolgt und unterstützt hatten, ließ deutlich nach. Da drohte ein Bruch.

ZEIT: Und das schönste Erlebnis?

Bräutigam: Das war kurz vor dem Beginn meiner Amtszeit während des Besuchs des Bundeskanzlers Helmut Schmidt in der DDR, der in Güstrow endete. Da herrschte auf dem Marktplatz eine ungeheure Spannung, die kaum zu beherrschen war. Als wir dann aber in den Dom kamen, trat plötzlich Stille ein. Landesbischof Radtke bat die beiden deutschen Staatsmänner, Platz zu nehmen. Nach einem Orgelspiel erinnerte er sie in einer kurzen Ansprache an ihre Verantwortung vor den Menschen. Das hat mich sehr bewegt.

Erwähnen möchte ich auch noch die Eröffnung des Lutherjahres 1983 auf der Wartburg oder die Rede Richard von Weizsäckers, des damaligen Regierenden Bürgermeisters, in seiner Eigenschaft als Mitglied des Präsidiums des Evangelischen Kirchentages auf dem Marktplatz in Wittenberg. Das waren Momente, in denen man den Blick in die Zukunft schweifen ließ und Veränderungen wahrnahm, die man noch nicht richtig einschätzen konnte.

ZEIT: In Ihrer Zeit als Ständiger Vertreter ist viel erreicht worden: das Kulturabkommen, die Ausweitung des Reiseverkehrs, eine große Zahl von Städtepartnerschaften.