Von William Rees-Mogg

LONDON. – Mitte der siebziger Jahre verbrachte ich einen Abend in Oxford, um vor dem Labour Club der Universität zu sprechen. Zu den Gastgebern beim Abendessen gehörte Benazir Bhutto. Ihr Vater war damals noch Premierminister von Pakistan. Ich war von seiner Tochter tief beeindruckt – von ihrer Intelligenz, ihrer Selbstbeherrschung und ihrem politischen Sendungsbewußtsein, von ihrer Schönheit nicht zu sprechen. Jetzt hat Benazir Bhutto sich in die Gruppe weiblicher Führungsgestalten eingereiht, die die alten Männer in der Weltpolitik abgelöst haben. In den siebziger und achtziger Jahren neigten Länder, die sich besonderen Herausforderungen gegenübersahen, oft dazu, Frauen an die Spitze der politischen Führung zu wählen – Golda Meir, Margaret Thatcher, Indira Gandhi, Corazon Aquino und nun Benazir Bhutto: Frauen, die sämtlich aus der Riege der führenden Politiker ihrer Zeit herausragen. Wäre Michail Gorbatschow kein Mann, könnte man meinen, nur Frauen seien zu radikaler politischer Führung imstande.

Selbst Michail Gorbatschow kann es in autoritärer Führung nicht mit den Frauen-Staatsmännern aufnehmen. Die kleinen Nationen der Sowjetunion stellen ihm Forderungen, die sie gegenüber seinen Vorgängern nicht gewagt hätten. Wenn ähnliche Begehren von Schotten, Arabern oder Sikhs vertreten würden, sie fänden wenig Gnade bei einer Frau Thatcher, einer Frau Meir oder einer Frau Gandhi.

Der moderne männliche Amtsträger ist ein bemerkenswert langweiliger Zeitgenosse; die meisten von ihnen hätten genausogut im Postdienst reüssiert. Man vergleiche nur Benazir Bhutto mit Kanzler Kohl. Aber warum sind Frauen in der politischen Führung soviel mitreißender und wirkungsvoller als Männer?

Schon in der Geschichte waren die Leistungen der wenigen Frauen, die politische Macht errangen, beachtlich. Zwei von Rußlands Zaren wurden mit dem Attribut "die Großen" beehrt – Katharina und Peter. Kein englischer König nach dem Tode Eduards III. gehört eigentlich in die erste Garnitur – der Durchschnitt war ziemlich mittelmäßig. Ganz anders die Königinnen: Elizabeth I. war der bedeutendste Monarch seit William dem Eroberer, Victoria der größte Monarch ihres Hauses. Die heutige britische Königin ist der beste Monarch dieses Jahrhunderts.

Frauen haben es in der Regel sehr viel schwerer als Männer, die Macht zu erringen; deshalb sind de wenigen, die sich dennoch durchsetzen, auch ungewöhnlicher als ihre meisten männlichen Kollegen. In der britischen Politik haben Frauen es schwerer, einen Parlamentssitz zu erobern; haben sie es aber einmal geschafft, dann bekommen sie leichter ein Regierungsamt, schon weil der größte Teil der weiblichen Konkurrenz zuvor aus dem Rennen geworfen wurde.

In der Tat liegt möglicherweise im Wettbewerb zwischen männlichen Politikern auch einer der Gründe, warum die Männer vergleichsweise blaß wirken. Ein britischer Politiker muß heutzutage 20 Jahre im politischen Niemandsland malochen, bis er es vom bescheidenen Parlamentskandidaten zum Kabinettsmitglied bringt, das wenigstens theoretisch zu einer eigenen Meinung befugt ist. Er lernt, nicht aufzufallen und unbemerkt von Tümpel zu Tümpel zu kriechen. Frauen in der Politik haben dagegen in dieser Phase ihrer Karriere sehr viel mehr Spielraum.