Von Hansjakob Stehle

Der Eros, vergiftet vom Christentum, sei zwar nicht daran gestorben, aber zum Laster entartet – so spottete vor hundert Jahren Friedrich Nietzsche. Er bescheinigte allerdings einem der bedeutendsten christlichen Theologen des Mittelalters, Peter Abälard, "geschmeidige Verwegenheit" und meinte die dramatische Liebesgeschichte dieses Kanonikus von Notre-Dame mit seiner Schülerin Heloise – eine Leidenschaft, die nicht nur die heimlich geschlossene Ehe der beiden überlebte, sondern sogar das schreckliche Finale: der erboste Onkel der 17jährigen ließ ihren klerikalen Liebhaber kastrieren. Vor fünfzig Jahren entdeckte dann der katholische Philosoph Etienne Gilson die lebenslängliche Tragik dieses Liebespaares in der "vollkommenen Aufrichtigkeit, mit der die beiden einander die Komödie der Heiligkeit vorspielten". Beide – er als Abt, sie als Äbtissin – suchten und fanden, ohne je ihre Liebe zu verleugnen, Zuflucht in Klöstern ...

Wie wäre ihr und vieler anderer Leben verlaufen, wenn sich die römische Kirche nicht jahrhundertelang abgemüht hätte, bei ihren Priestern die Ehelosigkeit und zugleich die sexuelle Enthaltsamkeit durchzusetzen, ja 1139 – drei Jahre vor Abälards Tod – den Zölibat in einem Konzildekret zu verankern? Noch fast achteinhalb Jahrhunderte später, am Gründonnerstag letzten Jahres, erinnerte Papst Johannes Paul II. in einem Rundbrief alle Priester seiner Kirche an die Berufung zum Zölibat, und dies bedeute, wie Jesus es seinen Jüngern erklärt habe, "sich zu Eunuchen für das Himmelreich zu machen" (Matth. 19,12).

So buchstäblich wie der Papst haben das die deutschen katholischen Bibelübersetzer nicht dem griechischen Urtext entnommen; durch den drastischen Vergleich mit der Selbstkastration hat Jesus wohl eher seinen verheirateten Jüngern eheliche Treue einschärfen wollen ("Wer es fassen kann, der fasse es!", fügte er milde hinzu). Doch einer katholischen Theologin, die mit ihrer Kirche hadert, hat das Zitat jetzt zu einem zugkräftigen Buchtitel verholfen (Uta Ranke-Heinemann, "Eunuchen für das Himmelreich", Hoff mann & Campe Verlag, Hamburg) und zugleich hat auch einer ihrer Professorenkollegen (Georg Denzler, "Die verbotene Lust", Piper Verlag, München) mit gelehrtem Eifer das Thema Sex und Kirche angepackt. Es bewegt viele Gläubige; denn wohl auf keinem anderen Gebiet hat die Glaubwürdigkeit lehramtlicher Verkündigung, zumal der römischkatholischen, so gelitten wie auf dem ihrer teils ungelüfteten, teils weihrauchumwölkten Geschlechtsmoral.

Dabei wurzelt ihre Neigung zu leibfeindlichen, lustverderberischen Reinheitsidealen nicht im Evangelium als solchem, auch nicht im Alten Testament (das der Liebe das sinnenfrohe "Hohe Lied" widmet), sondern in der spätantiken römisch-griechischen Umwelt, in der das Christentum aufwuchs. "Platonische" Vorstellungen von physischem Energie- und geistigem Wertgewinn durch geschlechtliche Enthaltung wirkten auf frühchristliche Denker ebenso ein wie stoische Philosophen vom Rang eines Seneca, der den Ehemännern empfahl, sich ihren Frauen nicht wie Liebhaber zu nähern ... Die religiösen Bewegungen der Gnosis, die jede Art fleischlicher Genüsse verwarf, und des Manichäismus, der alles Irdische und besonders die Sexualität für finstere Teufelei hielt, wurden zwar von der frühchristlichen Kirche als Ketzereien bekämpft, aber ihre fanatischasketischen Vorstellungen beeinflußten mehr oder weniger alle großen Kirchenväter des Mittelalters: von Augustinus, der bitter beklagte, daß es nicht möglich ist, "ohne Lust Kinder zu zeugen", bis zu Thomas von Aquin, der meinte, daß eine "Ehe ohne fleischlichen Verkehr heiliger" wäre.

Fast gleichzeitig aber breitete sich – vielleicht sogar als unbewußte Gegenreaktion – eine ebenso verkrampfte Überbewertung des Geschlechtsaktes aus, nämlich als einer unerläßlichen Beruhigungsmedizin gegen das Übel des Sexualtriebs. Die Rolle der Frau, ohnehin als dienende, wenn nicht sklavische verstanden, geriet so zu der einer geduldigen Krankenschwester oder auch einer – Hexe, falls sie nicht lustlos genug mitspielte und so den Verdacht nahelegte, es mit "bösen Geistern" zu treiben. In seiner klassischen "Summa Theologica" fand Thomas von Aquin 1269 heraus, daß sich besagte Geister beim Beischlaf nicht des eigenen sondern des Samens irgendeines Menschen bedienen. Und Papst Innozenz VIII., selbst Vater einiger Kinder, beklagte in seiner berüchtigten Hexen-Bulle von 1484, daß in Deutschland Gläubige beiderlei Geschlechts, die "ihr eigenes Seelenheil vergessen", durch bösen Zauber andere daran hindern, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen. Auch die Reformatoren erlagen dem Wahn: "Hexen – das sind die bösen Teufelshuren", schrieb Luther 1522. Und zu den letzten Opfern dieser "sexualpathologischen Kompensation" (Herbert Haag) gehörte noch vor nur 240 Jahren eine gebrechlich alte Frau, die in Würzburg zur Hinrichtung getragen wurde, nachdem sie 50 Jahre lang Nonne gewesen war...

Über so viel lächerliche Schrecklichkeit können wir uns aus der Sicht eines aufgeklärten (freilich von anderem Horror befallenen) Jahrhunderts mühelos empören. Nicht nur billige Kirchenkritik aller ideologischen Strickmuster lebt seit langem davon. Aus solchen Zeichen von Schwachsinn glaubte Sigmund Freud schließen zu können, daß Religion überhaupt in den Bereich menschlicher Illusionen gehöre, ja massen-neurotischem Zwang entspringe. Ein durchaus nicht aufmüpfiger katholischer Theologe wie Walter Kasper räumt heute ein, daß es da "manche unangenehme Wahrheit" gibt und: "Dagegen hilft keine noch so gute Mohrenwäsche." Gleichwohl widerspricht er seinem heftig umstrittenen Fachkollegen Eugen Drewermann, der die Kirche gleichsam auf die seelenärztliche Couch legte und ihr emotionale Verarmung wie kulturelle Ohnmacht vorwirft, weil sie "ein ungeheures Maß von Angst" provoziert habe, statt diese zu heilen.