Von Ulrich Schiller

Washington, im Januar

Zu beneiden war er nicht, und manche seiner Kollegen beschlich echtes Mitgefühl. Wie er sich da pflichtbewußt im Weltsicherheitsrat bemühte, auf einem verhuschten Großphoto die Raketenbewaffnung eines libyschen Jägers nachzuweisen und das Anti-Ghaddafi-Syndrom seines Präsidenten ein weiteres Mal zu rechtfertigen, das war keine leichte Aufgabe. Aber es war sein Auftrag, und Vernon Walters, der Botschafter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, wurde damit offenbar problemlos fertig. Schließlich ist er nicht nur Diplomat, er war auch Soldat, Spion, Berater, Dolmetscher mehrerer Präsidenten und für einige sogar der trouble shooter par excellence gewesen. Demnächst soll er nun als Botschafter in Bonn wirken.

Amerikanische Diplomaten werden den Bürgern der Bundesrepublik neuerdings in Kontrastprogrammen beschert. Es ist wohl keine Frage mehr, daß sich der Repräsentant der westlichen Führungsmacht in Bonn nicht bloß als messenger seines Präsidenten empfindet, daß er nicht nur PR-Fachmann, sondern auch Lehrer und Erzieher in den Fächern Demokratie und Staatsbürgerkunde sein möchte. Dem greisen und weisen Arthur Burns war diese Rolle auf den Leib geschrieben. Dem jungen, ungestüm ehrgeizigen und machtbewußten Richard Burt bereitete sie Probleme, die zum Problem der deutschen Öffentlichkeit wurden. Daß sie sich mit dem 72jährigen Vernon Walters wieder behaglicher fühlen wird, ist leicht vorzustellen. Manch einer unter den akademischprofessionellen amerikanischen Deutschlandkennern konstatiert sogar im Brustton der Überzeugung – freilich nicht ohne Anflug von Ironie –, daß keiner besser in das Bonn der Kohl-Regierung passen würde als der überraschend nominierte Vernon Walters: konservativ, katholisch, "gewichtig" und mit 1,91 Meter von außerordentlicher Größe, nach Art und Naturell beinahe etwas "bajuwarisch"; kein Mann für Genscher zwar, doch dafür um so mehr ein Mann nach dem Geschmack des Kanzlers.

War es Walters’ eigener Wunsch, seine bewegte Karriere in Europa zu beschließen, da, wo sie mit Schul- und Lehrjahren begonnen hatte? Oder war es Larry Eagleburgers Idee, auf den für die Bush-Regierung wichtigsten Posten in Europa einen Spitzendiplomaten zu entsenden? Eagleburger, ein bewährtes Schlachtroß in vielen Außenamtsscharmützeln, kehrt unter James Baker als zweiter Mann ins State Department zurück. Und Eagleburger ist mit Walters gut befreundet, wie ja überhaupt viele der neuen Leute Bushs alte Bekannte aus früherer Dienstherren Zeiten sind, verbunden überdies in einem ausgeprägten Interesse für und an Europa.

Vernon Walters ist im strengen Sinne des Wortes kein Deutschlandkenner. Er gehörte nie zu den Think-Tank-Profis oder zur Gilde jener Rechtsexperten, die sich in den Deutschlandverträgen, Ostverträgen und Berlin-Abkommen einen Namen gemacht haben. Vielmehr diente er als Sprachgenie und, gestützt auf dieses durchaus unamerikanische Talent, als Kundschafter, Unterhändler und Vermittler in zahlreichen Geheimmissionen. Er kennt Deutschland, kennt Europa geographisch wie historisch. Er beherrscht vor allem die wichtigsten Sprachen der Europäer: Französisch, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Holländisch, Russisch – und eben auch Deutsch. Nicht in allen Idiomen ist er gleich gut, aber Deutsch gehört zu den von ihm bevorzugten Sprachen. Mit Marschall Tito hat er deutsch gesprochen, als er in den fünfziger Jahren Sonderbotschafter Harriman begleitete, der die Lage Jugoslawiens nach dem Bruch mit Stalin zu sondieren hatte. Als Walters 1969 in der Begleitung Präsident Nixons nach Bonn kam, qualifizierte er sich umgehend als Übersetzer einer Tischrede des damaligen Bundeskanzlers Kiesinger – der Kanzlerdolmetscher war aus irgendeinem Grunde plötzlich abhanden gekommen, und mit den Übersetzungsanläufen von Botschafter Rolf Pauls sei Kiesinger nicht zufrieden gewesen.

So jedenfalls schilderte Walters selbst in seiner Autobiographie, die 1978 unter dem Titel "Silent Mission" erschien, die Umstände und das eigene Verdienst um diese deutsch-amerikanische Begegnung. Leider beließ er es bei der Schilderung der Umstände, beim Anekdotenhaften rund um die eigene Rolle. Daß in Bonn damals, ein Jahr nach der sowjetischen Besetzung der Tschechoslowakei, intensiv über eine neue Ostpolitik nachgedacht wurde, daß Präsident Nixon in West-Berlin Moskau ein Angebot zu Berlin-Verhandlungen machte, wird in Walters’ Memoiren nicht erwähnt. Gleichwohl erinnerte er sich sehr genau daran, daß Nixon keine Lust verspürte, in Tempelhof die Front einer Ehrenkompanie im Regen abzuschreiten. Was war ihm wichtig? Was ist ihm wichtig?