ARD, Donnerstag, 5. Januar: Wunderbare Zeiten"

Am Anfang zieht Familie Gibbons in eine jener englischen Vorortstraßen, in der identische Häuschen nebeneinandergepackt sind wie Zigarren in der Kiste. Mutter Ethel ist die spröde, rehäugige Seele des Hauswesens, Vater Frank der sanftmütige Patriarch. Noch sind die Kinder klein and das Ehepaar neckt und liebt sich, sofern nicht Ethel findet, daß für solchen Unsinn die Zeit fehlt. Der Nachbar macht seine Aufwartung und entpuppt sich als Franks Kriegskamerad Bob. Man schreibt das Jahr 1919 und trinkt auf die alten Kameraden. Ob die Zeiten besser werden?

Das hofft Frank, aber Bob ist mißtrauisch, und Ethel kann man erst recht nichts erzählen. Als 25 Jahre später – die jüngste Tochter ist endlich unter der Haube – die Gibbons wieder ausziehen, da haben, wie könnte es anders sein, beide recht gehabt. Der einzige Sohn ist ihnen weggestorben und ein neuer Krieg ausgebrochen. Aber man freut sich über drei gesunde Enkel, und die Revolution hat Britannien verschont. Ach, die vielen Jahre, die über Ethel und Frank dahingegangen sind. Noch einmal erleben möchten sie die, da sind sie sich einig, "um keinen Preis der Welt". Am Schluß des Films fährt die Kamera durch das leere Haus. Die Tapete ist seit 1919 nie erneuert worden. Sie hat alles mitangesehen.

Der Stoff dieses englischen Spielfilms, den David Lean 1944 drehte und den die ARD jetzt als deutsche Erstaufführung anbot, ist so alt wie die Welt: Familiensaga. Heute ist sie vor allem als Serien-Sujet beliebt. "Wunderbare Zeiten" erzählte nichts anderes als dieses alte Lied, und es klang doch gut. Hin und wieder sollte man sich bei älteren Meistern davon überzeugen, daß auch die schimmeligsten Stoffe und gammeligsten Stories so erzählt werden können, daß man mitgeht. Im Falle von "Wunderbare Zeiten" lag die Kunst im Sinn für den Widerspruch, der durch die Personen geht und in der Anmut, mit der davon gehandelt wurde.

Frank ist ein guter Konservativer, und er haßt den Krieg. Doch sein Schönstes ist es, mit Bob auf das Regiment anzustoßen. "Dein Vater und Onkel Bob waren zusammen im Krieg, nicht wahr?" fragt der Schwiegersohn in spe, und die Tochter seufzt: "Ja, und man könnte glauben, sie seien die einzigen gewesen." Auch Mutter spricht beim Gemüseputzen mit der Jüngsten über den großen Witwenmacher. Wenn nun Pa gefallen wäre? Ethel hätte es wohl überstanden. "Aber mein Herz wäre gebrochen." Dabei blickt sie über den Küchentisch hin mit ihren braunen Augen, daß man der Herrgott sein und sie auf der Stelle belohnen möchte für so viel Treue. Legt aber Frank ihr liebebedürftig die Hand an den Nacken, macht sie ihr viktorianisches Gesicht und hat Waschtag. So sind die Leute, erzählt der Film, man wird aus ihnen nicht klug, und deshalb sind ihre Geschichten immer wieder anders. Man kann sie endlos erzählen, sie verdienen es.

Warum gelingt es den Nachkömmlingen von Filmen wie "Wunderbare Zeiten", den Familienserien, so selten, die Aufmerksamkeit mit solchen einfachen und bewährten Mitteln zu halten? Widersprüche sind nicht mehr beliebt, schon das Wort mißfällt, und Charaktere sollen heute "konsistent" sein. Ferner ist das erste Opfer der gewohnten Seriendramaturgie, die pro Halbstünder eine Katastrophe und pro Schluß einen Höhepunkt zu erzeugen hat, die Grazie des Erzählstils. Und doch gibt es keinen triftigen Grund, der die Familienserie daran hindert, statt hastigen Bildergestolpers einen Reigen vorzuführen. Barbara Sichtermann