Von Esther Knorr-Anders

Ich stehe im Eintrittsraum. Photos an Stellwänden erinnern an die Nacht des 9. November 1938, jene Nacht, die mit unüberbietbarem Zynismus Reichskristallnacht genannt wurde. Jüdische Bürger wurden entwürdigt, erbarmungslos mißhandelt, ihrer Wohnungen und Geschäfte beraubt; Synagogen gingen in Flammen auf.

Ein Photo zeigt, wie der jüdische Rechtsanwalt Siegl, von SS flankiert, im März 1933 durch die Straßen Münchens geführt wird. Man hat ihm die Beinkleider abgeschnitten, er geht in Strümpfen. Ein Schild vor seiner Brust trägt die Aufschrift: "Ich werde mich nie wieder bei der Polizei beschweren." Das hatte Siegl, vermeintlich in einem Rechtsstaat lebend, für einen seiner inhaftierten Klienten getan. Auf einem ausgehängten Bekanntmachungsplakat des Kreisleiters der NSDAP Miesbach kann man lesen: "Auf Grund verschied. Ausschreitungen und herausfordernden Benehmens der Deutschen Bevölkerung gegenüber verlange ich, daß die als Kurgäste hier verweilenden Juden binnen 24 Stunden Rottach-Egern verlassen und aus den Bayer. Bergen verschwinden." 1942 wurden 850 Männer, Frauen und Kinder zum Güterbahnhof Aumühle bei Würzburg getrieben. Sie schleppen Handgepäck. Ganz vorn auf dem Photo geht ein Greis. Sein Ausdruck verrät, daß er um die Endstation dieser Zugfahrt weiß, wo immer sie geographisch liegen mag.

Die Bilder verursachen Schweigen. Die Besucher blicken die Photos an, blicken weg und wieder hin. Wenig später stehen sie, das Entsetzen noch vor Augen, in den angrenzenden Räumen vor Tora-Krone und Megilla, vor Sabbatlampen und Kidduschbechern, vor den faszinierenden Zeugnissen jüdischer Kultur und Lebensart, wie sie seit jenen Tagen in Deutschland unter Nichtjuden kaum noch einer kennt.

Unzählige Exponate, Leihgaben berühmter Museen, Bibliotheken und aus Privatbesitz, sind hier zusammengetragen. In einer Vitrine schimmert ein besonderes Stück, eine Pergamenthandschrift. Gefertigt wurde sie von Salomon ben Simon im Jahr 1342. Es ist ein babylonischer Talmud. Talmud bedeutet "Lernen", "Lehre". Im Unterschied zur schriftlichen Offenbarung der jüdischen Bibel mit ihren 24 Büchern entstand das Werk aus vielhundertjähriger mündlicher Überlieferung.

Ich trete vor das Fragment einer Tora-Rolle. Tora ist die Bezeichnung für die "Fünf Bücher Moses", den Pentateuch, die heiligste Grundlage der jüdischen Religion. Der Tora-Text wird für den gottesdienstlichen Gebrauch auf Pergamentrollen niedergeschrieben, der Vorschrift gemäß auf die Haut rituell reiner Tiere. Die Schriftzeichen dürfen nicht mehr mit der Hand berührt werden. Wenn der Rabbiner beim Gottesdienst aus der Tora vorliest, verwendet er, um die engen Zeilen verfolgen zu können, Tora-Zeiger. Das sind zierliche Stäbe, deren Ende eine winzige Hand bildet. Einer der schönsten ist aus Silber gegossen, die Hand aus Korallen geschnitzt.

In der Synagoge wird die Tora, umhüllt von Wimpeln und einem Mantel, in einem Schrein aufbewahrt, der sich stets an der nach Osten, nach Jerusalem gerichteten Wand des Gotteshauses befindet. Den Schrein schützt der Tora-Vorhang (Parochet), meist aus Seidendamast, Atlas oder Samt. Alle Vorhänge sind bestickt. Die Motive variieren. Mal ist es, auf gelbbraunem Grund, die Menora, der siebenarmige Leuchter aus dem Tempel Salomos, mal die Tora-Krone auf naturweißem Seidentaft.