Von Christel Hofmann

Wenn es gemütlich wird, schlägt er zu. Wenn Denkmuster liebgeworden sind, knackt er sie auf wie Nüsse und präsentiert den verdorrten Kern. Er ist kein Typ für Feierstunden: Franz Christoph, 35, Denker, Redner, Schreiber, Krüppel.

Den barmherzigen Schleier des Wortes "Behinderter" lehnt er für sich radikal ab. Vor etwa zehn Jahren, sagt Franz Christoph, hat er sich vom Behinderten zum Krüppel emanzipiert. Davor lebte er 25 Jahre lang das Leben eines "angepaßten Behinderten". Einen angepaßten Behinderten beschreibt Franz Christoph so: Obwohl er wegen seines Defektes nicht in die Peter-Stuyvesant-Welt der Normalen hineinpaßt, gibt er sich täglich, oft stündlich, grenzenlose Mühe, wenigstens den Anschein zu erwecken, er passe doch hinein. Um jeden Preis paßt er sich den Normalen an. Er nimmt Therapien, Operationen und sogar besondere Erziehungsmethoden in besonderen Institutionen auf sich. Das Resultat all dieser Bemühungen heißt, wenn schon nicht völlige Angleichung an das Normale, so doch wenigstens Hinführung zu einer möglichst normalgetreuen Kopie.

Franz Christoph weiß, wovon er spricht. Mit einem Jahr erkrankte er an Kinderlähmung. Um ihn dennoch das Laufen zu lehren, verbrachte er wesentliche Jahre seiner Kindheit im Krankenhaus. Doch Operationen besserten seinen Zustand nicht, verschlimmerten ihn sogar. Mit sechs Jahren wird er eingeschult. Nicht, weil er schulreif ist, sondern weil seine Eltern demonstrieren müssen, daß ihr Kind zwar einen körperlichen, doch keineswegs einen geistigen Schaden hat.

Ein frühes Erlebnis in der Grundschule bleibt ihm in Erinnerung, wird später – auch – zum Motiv und Motor seiner Aktionen. Weil er nicht laufen kann, darf er in den Pausen im Klassenzimmer bleiben. Natürlich allein. Eines Tages verschwindet – vermutlich in der Pause – die Puppe einer Schülerin aus dem Schulranzen. Der Täter steht sofort fest: Franz. Sein Vater, ein Polizist, verprügelt Franz so lange, bis er die Tat zugibt. Danach wird der wirkliche Täter gefunden. Der Vater ist glücklich: Sein Sohn ist zwar behindert, aber so pervers, daß er einen Hang zu Puppen hat, ist er nun doch nicht. Franz lernt: Behinderte müssen noch normaler sein als Nichtbehinderte.

"Schiefer Turm von Pisa" nennen ihn die Kinder in der Schule. Die Mutter tröstet ihn, die Kinder seien halt dumm. Wenn sie einmal sterbe und in den Himmel ginge, würde sie ihn mitnehmen und nicht bei den Dummen zurücklassen. Franz lernt: Behinderte brauchen immer jemanden, der auf sie aufpaßt und sie beschützt.

Mit acht Jahren kommt er in die Münchener Landesanstalt für körperbehinderte Jugendliche. Er wird operiert. Sein Becken bleibt schief. Das Leben in der Anstalt setzt ihm zu. Der verheißene "Schonraum" erweist sich als brutaler Irrtum. Selbstbehauptung lautet die Maxime oder, etwas pädagogischer ausgedrückt: so normal wie möglich. So entsteht eine Hierarchie der intakten Körperteile: Zweiarmiger schlägt Einarmigen, Einarmiger schlägt Armlosen. Bein wird gegen Bein aufgewogen. Franz reißt aus. Zur Strafe wird er der Anstalt verwiesen. Seine Rückkehr nach Hause empfinden die Eltern als Schmach und Versagen. Dennoch ergattert die Mutter für ihn eine Lehrstelle als Industriekaufmann. Dann bringen Rückenschmerzen ihn abermals ins Krankenhaus. Franz glaubt, ein Versager zu sein und hofft, auf dem Operationstisch zu sterben. In der Tat ist die Sterbequote des neuen Operationssystems, dem auch er sich nach monatelanger Vorbereitung unterziehen soll, zu diesem Zeitpunkt noch recht hoch. Je länger Franz sich mit seinem Status als "Versuchskaninchen" und dem möglichen Sterben beschäftigt, desto größer wird seine Angst. Der Sechzehnjährige verweigert schließlich die Einwilligung zur Operation. Sein Rückenleiden heilt danach ohne Eingriff aus. Nach Beendigung der Lehre beginnt für Franz das Berufsleben.