Viel zu spät versperrt Bonn die Schlupflöcher für zweifelhafte Exporte

Von Theo Sommer

Nein, wir dürfen uns nicht wundern. Die Deutschen und Gas – zu oft schon in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich diese unheilvolle Kombination dem Zeitgenossen in Leib und Seele gebrannt.

Es waren Deutsche, die im Frühjahr 1915 bei Ypern zum ersten Mal Giftgas einsetzten: An einem einzigen Nachmittag wurden 5000 französische Soldaten getötet, über 10 000 verletzt. Die Gegner zogen alsbald nach. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges verschossen beide Seiten 124 000 Tonnen Giftgas; dabei gab es 91 000 Tote und 1,2 Millionen Verletzte. Im Oktober 1918 geriet ein Gefreiter namens Adolf Hitler in eine britische Gelbkreuz-Attacke. Später erinnerte er sich: "Schon einige Stunden später waren die Augen in glühende Kohlen verwandelt, es war finster um mich geworden. So kam ich ins Lazarett Pasewalk in Pommern, und dort mußte ich die Revolution erleben ... In diesen Nächten wuchs der Haß, der Haß gegen die Urheber dieser Tat. In den Tagen darauf wurde mir mein Schicksal bewußt... Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder. Ich aber beschloß, Politiker zu werden."

Es waren wiederum Deutsche, die dann während des Zweiten Weltkrieges in den Gaskammern des Ostens dieses harte Entweder-Oder des gasblinden Gefreiten, der mittlerweile "Führer und Reichskanzler" geworden war, in millionenfachen Mord umsetzten. Belzec, Sobibor, Treblinka, Majdanek, Auschwitz – die Menschenvernichtungs-Mühlen des Dritten Reiches mahlten mit grausamer Perfektion. Von den über fünf Millionen ermordeten Juden fielen rund drei Millionen dem Zyklongas zum Opfer.

Und es waren dann abermals Deutsche, die zu Beginn der achtziger Jahre Chemie-Anlagen in den Irak exportierten. Sie taten es offenbar in aller Arglosigkeit, aber extrem leichtfertig. Die Pestizid-Fabrik wurde alsbald in eine Giftgas-Fabrik umfunktioniert. Im März 1984 setzten die Iraker zum ersten Mal Gas gegen die anstürmenden Iraner ein. Im vorigen Jahr schließlich ließ Saddam Hussein Senfgas und Zyanidgas auf seine rebellierenden Kurden herniederregnen. Schreckensvolle Bilder gingen damals um die Welt.

Da mögen wir tausend Ausflüchte suchen: daß andere doch auch Gas eingesetzt haben; daß wir selber auf die Herstellung chemischer Kampfstoffe feierlich Verzicht leisteten; daß nun einmal zwischen Produktionsanlagen oder Grundstoffen für die Erzeugung von Pestiziden oder Herbiziden und Anlagen oder Ausgangsstoffen für die Herstellung von Giftgas kein großer Unterschied ist; daß sonst eben andere liefern würden.