Von Uwe Knüpfer

Rund 250 000 Studienempfänger strömten zu Beginn des Wintersemesters in die heruntergewirtschafteten bundesdeutschen Hochschulen – viel mehr als je zuvor. Das weiß inzwischen jeder, der in Deutschland Zeitung lesen kann, denn alle haben es berichtet – von Bild über Spiegel bis zur ZEIT – bebildert, bestaunt. Und so hat auch jeder Verständnis für die armen Studenten und ihre Professoren, die zusammengepfercht in ihren Hörsälen streiken. Der deutsche Katastrophen-Voyeur hat ihnen ein Kämmerlein in seinem weiten Herzen freigemacht, nahe dem für die Hühner aus den Legebatterien. Er hat ein neues Notstandsgebiet entdeckt, den Campus.

Die Zahl 250 000 ist frei erfunden. Es war im 26. September des alten Jahres, das neue Semester hatte noch nicht begonnen, in Bonn tagte die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung. Den Vorsitz in dieser normalerweise gepflegt gelangweilten Runde aus Bildungsbürokraten und -politikern führte Jürgen W. Möllemann, der Bundesbildungsminister. Da die reguläre Tagesordnung an jenem Tag – wie meist – beim besten Willen keine Schlagzeile versprach, erteilte der Vorsitzende sich selbst das Wort zu einer Philippika gegen alle Abwarter, Abwiegler und Abwäger. Er machte das "Affentheater" – so stand es am nächsten Tag auch brav in den Zeitungen – nicht länger mit, hier mit den Ländern über irgendwelche Kautelen oder Kompetenzchen zu feilschen, derweilen draußen 250 000 junge Menschen zusätzlich in die Hörsäle drängten, viel mehr als je zuvor. Wer auf diese spektakuläre Zahl nicht spektakulär reagiere, werde bald sein blaues Wunder erleben.

Die versammelten Minister und Staatssekretäre der Wissenschafts- und Kulturressorts in den Ländern wunderten sich zum einen über den Kenntnisstand des Kollegen aus dem Bund, denn verläßliche Studentenzahlen gibt es immer erst etwa zwei Monate nach Studienbeginn. Zum anderen staunten sie über die Art, wie sie angeblafft wurden – an einem Ort, wo Sottisen sonst das Äußerste sind, was man einander zuwirft. Der eine oder andere Dienstherr der Hochschulen machte sich noch die Mühe, auf die Anstrengungen hinzuweisen, die seine Regierung durchaus schon eingeleitet habe, um den vielen Studierenden gerecht zu werden ... Das sei alles Kleinkram, belehrte ihn der Vorsitzende, ein Zwei-Milliarden-Programm müsse her, und er, Möllemann, werde die Hälfte davon schon beschaffen, wenn die Kollegen aus den Ländern vorher die andere Milliarde auf den Tisch legten. Nein, mit dem Kanzler oder Herrn Stoltenberg habe er noch nicht gesprochen, aber, wie gesagt, über Kinkerlitzchen solle man doch bitte schweigen, wo von einer nationalen Aufgabe die Rede sei.

Der "Neue Studentenboom" war geboren, noch ehe es ihn gab. Pünktlich zum Vorlesungsbeginn schickte jeder Chefredakteur, der sich auf seinen scharfen Themen-Riecher viel zugute hält, Photographen und Reporter in die nächste Alma mater. Fündig zu werden, fiel denen nicht schwer, denn die Anfängervorlesungen quollen tatsächlich über, wie jedes Jahr um diese Zeit und besonders im Modefach der Saison, der Betriebswirtschaftslehre. Und so lachte dem Zeitungsleser am nächsten Morgen allüberall der Student mit dem Klappstuhl gequält entgegen.

Für die Studenten begannen herrliche Wochen. Nach entbehrungsreichen Jahren ohne öffentliche Aufmerksamkeit und Zuneigung war endlich ihre Meinung zur Ausbildungssituation gefragt, und wie. Natürlich wußten sie die richtige Antwort: Katastrophal!

Sie wären nicht die Blüte ihres Jahrgangs, wenn die Studienanfänger nicht sofort begriffen hätten: Jetzt ist action gefragt. Als hellwache Medien-Demokraten formierten sie sich prompt zur "Neuen Studentenbewegung". Es begann mit vereinzelten Streiks, die kaum anders verliefen als jedes Jahr zu dieser Zeit. Nur mit zwei kleinen Unterschieden: Diesmal wurde die Rektoratsbesetzung in Duisburg, die im vorigen Jahr selbst vom örtlichen Anzeigenblatt verschlafen worden wäre, noch in Hamburg und Frankfurt mit einem wollüstigschaudernden "Na-bitte!" medienmäßig registriert; und die Akteure wirkten diesmal viel zuversichtlicher und fröhlicher als sonst – und wurden bald auch zahlreicher.