Das Leben als flüchtige Reise – eine Luxusdampferfahrt durch die Karibik

Von Hanns-Bruno Kammertöns

Es war einer jener Augenblicke, die keine Störung vertragen. Ich stand an der Pier von San Juan, sah endlich das Schiff vor mir und wartete eigentlich nur noch auf jenes Ziehen und Klopfen im Herzen, das, wie es heißt, jeden befällt, der des mächtigen Bugs ansichtig wird. In diesem Augenblick also schob sich von links Vico Torriani ins Bild. Ich weiß nicht, woher er gekommen war, und ich fragte mich natürlich, was er hier suchte. Ich sah nur, wie er seine Begleiterin sanft durch eine Drehtür des Zollhofs dirigierte und mit ihr den Weg Richtung Gangway durchschritt. Irgendwann verlor ich ihn dann aus den Augen.

Vico Torriani war der Gaststar an Bord, aber das erfuhr ich erst später. Da trug ich schon, wie die meisten anderen Passagiere auch, den weißen "Europa"-Bademantel und stand auf dem Promenadendeck. Irgendwo achtern spielte eine Kapelle "Muß i denn", und ich sah, wie die Lichter von Puerto Rico langsam hinter uns verschwanden.

Ich muß gestehen, daß ich in aller Unschuld an Bord der MS "Europa" gegangen war. Von einigen eher unmaßgeblichen Erfahrungen in Ruderbooten und einer sehr unerfreulichen Fährfahrt nach Dover einmal abgesehen, verfügte ich über so gut wie keine maritime Erfahrung. Zudem stellte sich bald heraus, daß die Lektüre der Erinnerungen von Seeteufel Felix Graf Luckner und vor allem Gorch Focks "Seefahrt ist Not!" für eine Reise auf einem Luxuskreuzfahrtschiff nur wenig hilfreich ist. Allenfalls fördert sie die Einsicht, daß sich die mythische Kraft der Seefahrt etwas erschöpft hat im Laufe der Zeit.

Nostalgischer Lapsus

Die MS "Europa" ist jedenfalls nichts anderes als ein schwimmendes Luxushotel mit der allerdings bemerkenswerten Eigenschaft, daß es mit rund 20 Knoten von der Stelle kommt. Daß die Mannschaft an Bord gleichwohl die Kabinen der Passagiere immer noch "Kammern" nennt, kann so gesehen nur als nostalgischer Lapsus gewertet werden.