Herr M. hat sich vor drei Monaten einen Personal Computer gekauft. Von skeptischen Freunden nach dem Sinn dieses häuslichen Technologieschubs gefragt, verweist er auf seine berufliche Zukunft. Der eigene Computer soll ihm helfen, den technischen Fortschritt am Arbeitsplatz zu bewältigen. Der Vierzigjährige arbeitet als Sachbearbeiter in einem Versandhaus. Für seine Abteilung wurden vor einem Jahr die ersten Personal Computer angeschafft. Bis dahin hatte Herr M. nie das Bedürfnis gehabt, über die Geräte, die er benutzt, Bescheid zu wissen. Als er jedoch gezwungen war, selber an einem Computer zu arbeiten, wurde seine latente Angst vor Rationalisierung so groß, daß er beschloß, es mit dieser neuen Technik nun doch aufzunehmen.

Es waren viel mehr Nerven und Geduld erforderlich, um mit der Maschine auch nur das zu produzieren, was er immer problemlos ohne sie geschafft hatte. So gab es für Herrn M. anstelle von Rationalisierung zunächst einmal Oberstunden.

Das animierte ihn jedoch nicht zum Maschinensturm, sondern zur Fortbildung. Er begann, Computer-Bücher zu lesen und EDV-Kurse zu absolvieren. Inzwischen weiß er viel mehr über Computer, als zur Erledigung seiner Arbeit notwendig wäre. Er kennt die Hardware des "Rechners" und beherrscht die Grundbegriffe des Programmierens. Beim Planen und Kodieren kleinerer Programme bekommt er ein Gefühl technischer Kompetenz, das er als Verwaltungsangestellter bisher nicht kannte. In seiner Abteilung ist er mittlerweile als Intimus des Kollegen Computer bekannt. Man schätzt ihn wegen der selten anzutreffenden Mischung aus Berufserfahrung und Know-how.

Daß der Computer ihm heute auch zur Unterhaltung dient, gibt Herr M. ganz gerne zu. Als das Gerät erst einmal in der Wohnung stand, zeigte sich schnell, daß aus dem Zwang eine Lust geworden war. Für Herrn M. erwies sich der PC nicht nur als Lokomotive, sondern auch als Modelleisenbahn der Informationsgesellschaft. Der Computer hat die Schreibmaschine verdrängt und Stereoanlage wie Hobbyraum auf die Plätze verwiesen.

Die Zeiten, in denen Herr M. wegen des Computers Überstunden machen mußte, waren schnell vorbei. Heute hat der Computer seine Produktivität um etwa 15 Prozent gesteigert. Für viele Arbeitsvorgänge braucht er nur noch wenige Tasten zu drücken. Der Gefahr, sich selber überflüssig zu machen, begegnet Herr M., indem er sich in der gewonnenen Zeit weiter fortbildet; solange er selber an der Rationalisierung beteiligt ist, hält er sie für wünschenswert. Für ihn hat sich der Computer vom Angstmacher zum Hoffnungsträger gewandelt.

Von der Prä-Computerzeit spricht Herr M. wie von einer längst vergangenen Etappe seiner Entwicklung. "Da war ich noch technikscheu", meint er. Jetzt wagt er dagegen schon Fortschrittsprognosen: "Der PC wird die Drehbank und den Schreibtisch ersetzen", sagt er, "den Wickeltisch aber nicht." Herr M. ist kürzlich zum dritten Mal Vater geworden.

Sein Glaube an die Unaufhaltsamkeit des Fortschritts hat sich bei der Arbeit mit dem PC zwar verfestigt, aber ihm ist jetzt wohler dabei zumute. Er selber ist ja nun einer der Komparsen des Fortschritts. Schon denkt die Firmenleitung darüber nach, einen erfahrenen Anwender für interne Schulungen freizustellen. Vielleicht wird er ausgewählt? Aber auch so hat er heute keine Angst vor Arbeitslosigkeit mehr. Er weiß, daß die Stellen, die langfristig durch Computer eingespart werden, bei den Neueinstellungen wegfallen. "Für zwei Millionen Arbeitslose ist der Computer also keine Lösung", sagt Herr M. Aber sollte er etwa deshalb seine eigene Chance nicht nutzen? Am besten fände er es, wenn parallel zur Arbeitszeit auch die Geburtenrate weiter sänke. "Wieso", fragt er, "halten Sie das nicht für die Lösung? Haben Sie eine andere?" Alfred Dobisch