Von Gustav Strübel

Die Erschießung Liebknechts, die Ermordung der Luxemburg durch Pobel in Berlin sind Tatsachen. Angewidert." Mit diesem knappen Tagebucheintrag registriert Thomas Mann die Nachricht, daß die beiden Spartakus-Fuhrer in der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1919 umgebracht worden sind. Das Ärgernis für ihn ist offenbar nicht der Tod der Spartakisten, sondern es sind die Umstände des Todes.

Thomas Mann steht hier repräsentativ für das deutsche Bürgertum, dessen Seelengeschichte er so meisterlich beschrieben hat. Es hatte sein antisozialistisches Ressentiment besonders an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg festgemacht. Sie wurden zu negativen Symbolfiguren hochstilisiert: Mit ihrem Pazifismus und Internationalismus hatten sie noch aus dem Gefängnis heraus die deutsche Kriegspolitik torpediert; ihnen sei jedes Mittel recht, die Weltrevolution durchzusetzen; als "Agenten Lenins" hatten sie den Auftrag, die Bolschewisierung Deutschlands zu erzwingen.

Das konservative Lager konnte sich in diesem Falle mit seinen Ängsten und Verdächtigungen sogar auf die Sozialdemokratie berufen. Der bose Satz von den "unlauteren Elementen", deren Ziel "die Aufrichtung einer asiatischen Hunger- und Schreckensherrschaft wie in Rußland" sei, stammt aus einem Artikel von Friedrich Stampfer, dem Chefredakteur des Vorwärts. Die Hetztiraden des Parteiblatts gegen die Exgenossen unterschieden sich kaum von den Haßparolen der Rechtspresse.

Die obsessive Fixierung der SPD auf die Dissidenten war noch starker als die ihrer rechten Gegner. Sie reichte weit in die gemeinsame Vergangenheit zuruck, wurzelte tief im Biographisch-Personlichen. Ihre mokante Äußerung über die "Parvenü-Gestalt" des Parteivorsitzenden Friedrich Ebert ist Rosa Luxemburg nie verziehen worden. Aber hinter Animositäten und oft unfaßlicher menschlicher Entfremdung zwischen den marxistischen Intellektuellen und den Traditionssozialdemokraten standen fundamentale ideologische und politische Gegensatze, die sich nach der Novemberrevolution 1918 bis zum Haß steigerten.

Der Spartakus-Bund in der USPD (Unabhängige Sozialdemokraten) und die norddeutschen Linksradikalen, die den Kern der am Jahresende 1918 gegründeten Kommunistischen Partei bildeten, wollten umgehend die "soziale Revolution" durchfuhren. Sie warfen den Mehrheitssozialdemokraten vor, daß durch ihr Kompromißlertum die historische Chance, die Arbeiterklasse an die Macht zu bringen, vertan wurde. Tatsächlich ließ die neue Regierung Ebert die gesellschaftlichen Grundlagen des Kaiserreichs unangetastet. Sie wollte die Entwicklung zur Demokratie mit einem Höchstmaß an Legalitat und Kontinuität verbinden. Ein Ratesystem, wie es den Spartakisten vorschwebte, paßte in diese Linie nicht hinein.

Da war es nebensächlich, ob die Betroffenen das russische Revolutionsmodell kopieren oder einen eigenen deutschen Weg zum Sozialismus gehen wollten, wie es vor allem Rosa Luxemburg im Sinn hatte. Die Mehrheitssozialdemokratie wollte sich nicht noch einmal tauschen lassen. Sie hatte im Oktober 1917 geglaubt, daß in Rußland jetzt die Demokratie verwirklicht werde, und es war ein böser Schock für sie, als Lenin und Trotzkij die sowjetische Parteidiktatur etablierten. Der Zustand der Sozialdemokraten in jenen Wochen und Monaten ließe sich mit den pathologischen Begriffen Spaltungstrauma und Putschsyndrom beschreiben. Aber auch die Gegenseite hatte ihre Neurosen. Willy Brandt hat einmal von den "zänkischen Attitüden" der hochintellektuellen Rosa Luxemburg gesprochen; der zuweilen blinde Aktionismus Karl Liebknechts laßt vermuten, daß er um jeden Preis aus dem Schatten seines großen Vaters Wilhelm, der zusammen mit August Bebel die SPD gegründet hatte, heraustreten wollte. Die USPD versuchte vergeblich, zwischen den verhärteten Fronten zu vermitteln. Liebknecht erteilte ihren Bemühungen eine hohnische Absage.