Was hat er da bloß angerichtet, der Redakteur von Agenzia Italia in Rom! Anstatt am ersten Arbeitstag des neuen Jahres erst einmal in Ruhe auf Neuigkeiten zu warten, blätterte er im Statistischen Jahrbuch für 1988. Der Band war wegen eines Streiks der Beamten im staatlichen Amt ISTAT gerade noch zum Jahresende erschienen. Bei den statistischen Daten der Europäischen Gemeinschaft über den Kaufkraftstandard der Mitgliedsländer für das Jahr 1986 (letzter Stand) fällt das Auge des Journalisten auf die Angaben über Italien: 803,6 Milliarden Rechnungseinheiten. Und in der Zeile darüber steht Großbritannien mit 803,7 Milliarden Rechnungseinheiten. Der Redakteur zählt die Tabelle ab wie beim Kinderreim: "Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, wo ist unser Land geblieben?" Antwort: auf Platz sechs der westlichen Industrienationen, nämlich nach den USA, Japan, der Bundesrepublik, Frankreich und jetzt auch noch England.

Das ist die Nachricht, dachte er und verbreitete sie sofort, hatten doch Italiens politische Festredner zwei Jahre lang verkündet, Italien sei mittlerweile zur fünftgrößten Industrienation avanciert. Manche ließen bei besonderen Anlässen die wirtschaftlichen Muskeln noch stärker spielen und machten es sogar vor Frankreich zum viertstärksten Industrieland der Welt. Diese Version übernahm in einer Jahresschlußanalyse 1988 sogar das angesehene Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Italiens Zeitungen waren da schon etwas vorsichtiger. Sie hatten die Zählung von vornherein nicht so ernst genommen. Schließlich wußten sie, wie dieses Ergebnis zustande gekommen war. Roms Regierung hatte nämlich im vergangenen Jahrzehnt zweimal das Bruttosozialprodukt (die Summe aller wirtschaftlichen Leistungen) aufgestockt. Ganz einfach so, in Bausch und Bogen. Einmal um zehn Prozent und dann noch einmal um 17,4 Prozent. "Darin steckt die Schattenwirtschaft, die wir in anderer Form nicht erfassen können", argumentierten die Statistiker. Ein zeitweiliger Kursverfall des englischen Pfundes tat das Seinige – Frau Thatcher und ihr Land hatten das Nachsehen. "Aber schon 1986 sind wir wieder auf Platz sechs abgerutscht", verkündete nunmehr Agenzia Italia.

Das konnte, durfte nicht sein. Am nächsten Morgen machten sich die Redakteure der nationalen italienischen Agentur Ansa ans Recherchieren. Und im Bericht des Weltwährungsfonds fanden sie, was alle suchten: In Dollar ausgedrückt, hatte Italien 1987 ein Bruttosozialprodukt von 758 Milliarden Dollar in die Waagschale zu werfen, England aber nur kümmerliche 669,5 Milliarden. Mit drei Sondermeldungen machte die Agentur den neuesten Stand publik. Die Schmach hatte nur einen Tag gewährt. Die besiegten Angelsachsen, allen voran die angesehene Tageszeitung Times, nahmen in ihrer typischen Gelassenheit den neuerlichen Umschwung der Dinge gar nicht zur Kenntnis, sondern schilderten genüßlich, daß auf der schönen Halbinsel des dolce far niente "ein Mythos zusammengebrochen" sei. Zwar sollten, britischen Spähern zufolge, die Trikoloren dort nicht gerade auf Halbmast wehen, aber immerhin herrsche eine Atmosphäre des Selbstmitleids. In der sportlichen Wirtschaftsberichterstattung bleibt es beim ökonomischen Wettlauf zwischen Italien und England damit beim Unentschieden.

Friedheim Gröteke