Wenn Bruno Bettelheim als kleiner Junge seine strengen Eltern und die brutalen Spielkameraden nicht mehr sehen wollte, dann floh er in seine Traumwelt, ins Kino. Leben und lieben wie ein Filmheld – das war Balsam für die Kinderseele. "Wir durchlebten aufregende Phantasien, die unsere eintönige Existenz um so vieles erträglicher machten", schrieb der 85jährige Kinderpsychologe jetzt in einer amerikanischen Fernsehzeitschrift. Aus den Erinnerungen an glückliche Stunden aus Kindertagen im Kino entstand ein Plädoyer für Kinder vor dem Fernseher. Das Magazin medien druckte jetzt in seiner neuen Ausgabe, was der berühmte Autor des Buches "Kinder brauchen Märchen" auf fünf Seiten erläutert: Kids vor die Kiste.,

"Kinder brauchen Fernsehen", behauptet der gebürtige Wiener Bettelheim und rehabilitiert nach den einst verpönten Märchen nun auch die Flimmerkisten im Lego-Kinderzimmer, die besorgte Erzieher meistens nur verteufeln. "Kinder wünschen sich viel", schreibt Bettelheim, "aber ihre Welt wird sehr oft von Erwachsenen beherrscht, denen das Gespür für ihr Kinderleben fehlt. Deshalb haben Kinder ein viel größeres Bedürfnis nach Tagträumen, die sie in Fernsehfilmen durchleben können." Bettelheim empfiehlt dafür nicht etwa nur die harmlosen Geschichten der netten Kinder aus Bullerbü oder niedliche Tierfilme, er geht viel weiter: "Ich kann nicht leugnen, daß Gewalt, solange sie nicht lasterhaft oder grausam ist, eine gewisse Faszination ausübt. Viele Kinder genießen aggressive Phantasien nicht nur, sie brauchen sie sogar." Der Psychologe beruft sich dabei auf Untersuchungen, die ergeben haben, daß Kinder, wenn sie ihre Wut beim Zuschauen in der Phantasie abreagiert haben, keinen Drang mehr verspüren, auch in der Wirklichkeit aggressiv zu sein.

Für uneingeschränkten Fernsehkonsum plädiert Bettelheim nicht. Doch das, wovon er abrät, dürfte moderne Erzieher vielleicht erschrecken. Wer es nämlich gut mit seinem Kind meint, sollte ihm Bildungsprogramme ersparen: "Sendungen wie die Sesamstraße schaffen die Illusion, daß man leicht und unverzüglich eine gute Bildung erhält. Wie bei Zahnpastareklame wird das Kind ermutigt zu glauben, daß sich der Erfolg ganz ohne Mühe einstellt. Natürlich ist das nicht der Fall: Kein Wunder, wenn das Kind mit sich und der Gesellschaft unzufrieden wird."

Bettelheim fordert Eltern auf, nicht der Unsitte zu verfallen, alles zu verdammen, was Kindern Spaß macht. Sie sollten sich lieber mit ihren kleinen Töchtern und Söhnen gemeinsam einen Film ansehen und anschließend darüber sprechen. Schlimm wird es nach Ansicht des Kinderpsychologen erst, wenn Erwachsene anfangen, das Fernsehen als Ausrede für ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu benutzen. ("Wir haben ja nie Zeit, etwas mit den Kindern zu machen, weil die immer vor der Glotze sitzen.") Bettelheim resümiert: "Die eigentliche Gefahr des Fernsehens ist nicht das Medium selbst, sondern die menschliche Schwäche." Franziska Jänz