Wieder einmal gilt es, ein denkwürdiges Jubiläum zu feiern: Vor 400 Jahren wurde die erste Kartoffel aus deutscher Erde geerntet. Daß sie zuvor die lange Reise von Amerika nach Europa hinter sich gebracht hatte, wäre jedoch noch nicht Grund genug, einen Zusammenhang zwischen Tourismus und dem unscheinbaren Nachtschattengewächs zu konstruieren. Dazu bedarf es zusätzlicher Anstrengungen.

Die Kartoffel genießt im Zusammenhang mit unserer bodenständigen Küche gemeinhin den Ruf einer deutschen Spezialität. Was zur Folge hat, daß die Bundesbürger international leicht vergröbernd auch als "Kartoffelfresser" diffamiert werden. Dabei geht es ihnen nicht anders als den Türken mit ihrem Knoblauch, den Amerikanern mit ihren Sandwiches und den Engländern mit dem Plumpudding. Ganz zu schweigen von den Italienern, die, weil ihnen das Kuddelmuddel ihrer verknuddelten Lieblingsnudel über alles geht, leichthin als Spaghettifresser abgetan werden.

Es ist also zu beobachten, daß jede Nation im Urteil ihrer Nachbarn als eine Nation hemmungsloser Esser hingestellt wird, wobei seltsamerweise zur Degradierung des jeweils anderen Herdtopfes die gewöhnlichste aller Speisen als Beschimpfung herhalten muß. Dieser Speisen-Chauvinismus scheint tief zu wurzeln; er hat Tradition.

Jetzt allerdings bekommen die Deutschen Schützenhilfe von der internationalen Kartoffelwirt- und -Wissenschaft, nach deren Ansicht die Kartoffel zu den edelsten Produkten des Landes zählt. Als Pell-, Brat-, Salz- und Salatkartoffeln serviert, sichern sie auch die kulinarischen Genüsse beim Urlaub in den eigenen Landesgrenzen und machen so das Ferienvergnügen erst richtig rund. Die Kreationen der Küchenkunst demonstrieren zudem die erstaunliche Wandlungsfähigkeit der kleinen braunen Knolle zu Pommes frites, zu Puffern und Knödeln.

Die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft nennt allein 70 verschiedene Zubereitungsarten für den Erdapfel. Endlich hat sich auch herumgesprochen, daß die Kartoffel keineswegs als Dickmacher abgetan werden kann. Drei mittelgroße Exemplare schlagen mit nur 184 Kalorien (vergleichsweise 770 Kilojoule) zu Bauche. Mehr noch: Die verfemte Knolle eignet sich wegen ihres reichen Kalium- und Natriumgehalts und der damit verbundenen starken Entwässerung des Körpers bestens für eine gewichtsreduzierende Kartoffeldiät.

Die Vorzüge der Kartoffel entdecken derzeit zunehmend auch Gastronomen. Zwischen Hamburg – "Kartoffelladen" in der Mohlenhofstraße – und München – "Cafetoffel" in der Amalienstraße – entstehen neue Spezialitätenrestaurants. Diese Aufwertung könnte beinahe vergessen lassen, daß die Kartoffel die Deutschen oftmals vor dem Verhungern bewahrte und daß es die Kartoffelmißernte im Irland des 19. Jahrhunderts war, die Hunderttausende von Toten forderte und Hunderttausende zur Auswanderung trieb.

So ist in jedem Reisebericht über die Grüne Insel nachzulesen. Und mit dieser Tatsache konnte auch der Kreis Kartoffel und Reisen elegant geschlossen werden. Rainer Schauer