Hamburg: "Gilbert & George. The 1988 Pictures."

Übergroße Rasterbilder, montierte Szenen, Collagen aus Photographie oder Cartoon, schrille Farben schreien uns Sentimentales, Erotisches entgegen, brüllen "Pains", gellen "Loves", rufen "Being". Agitatoren in dieser selbstgeschaffenen Surrogatwelt sind Gilbert & George, der kleine Tiroler (1943) und der große Engländer (1942), seit 1967 sind sie ein unzertrennliches, weltbekanntes Paar. Vor zwanzig Jahren begannen sie als living sculptures, standen mit bronzierten Gesichtern und Händen bis zu acht Stunden in einer Ausstellung, gelegentlich. Der Kunst weihten sie ihr ganzes Leben in dem Londoner Haus in der Fournier-Street, zwischen wandhohen Holzpaneelen, in immergleichen grauen Straßenanzügen. Mikroskopische Selbstbeobachtung treibt sie, zwischen den exhibitionistischen Auftritten, einsam um in ihrem Haus, in ihrer Stadt. Da wird alles dokumentiert in Photos, zigtausend im Jahr. Dreißig, fünfzig davon werden herausgefiltert und zu den wandfüllenden Rasterwerken verarbeitet. Neo-Dada, Performance, Konzept-Art, Minimalismus? Nichts von alledem, sagen Gilbert & George. Das ist Kunst-Kunst, dekadent. Wir aber wollen die Wirklichkeit. Die Szenerie in ihren Arbeiten kreist um gleichbleibende Motive, Gewalt, Zerstörung, Sucht und Suff, homosexuelle Erotik, Bürgerschreck und Provokation waren es in den siebziger Jahren. Heute sind es Tod und Hoffnung, Leben und Angst, pathetische Kernstücke jeder Seifenoper. So ist die Realität, wir zeigen Euch das wahre Leben sagen Gilbert & George.

Es ist eine halbe Welt, in der Frauen nicht existieren, jede Spur von ihnen fehlt ("Es gibt eine Menge Sachen, die in unseren Arbeiten nicht vorkommen", sagte George zu einem Kritiker, "Kühlschränke zum Beispiel oder Autos".). Eine autistische Welt, die junge Männer einläßt, sie nach dem Sinn des Lebens fragt und wieder gehen läßt. Eine Bilderwelt, die ihrem Zuschauer verspricht, neuen Sinn zu stiften, und die keinen findet. Die Menschen, Männer, ebenso häufig Gilbert & George wie andere, dann aber jüngere, schlanke, erscheinen isoliert, Marionetten in der selbstgeschaffenen Umgebung.

Acht Arbeiten aus diesem Jahr zeigt die Galerie Ascan Crone zur Zeit, acht Stationen aus der endlos geratenen sentimentalen Reise der beiden Kunststatisten. Blütenzweige wie aus Kunstharz gegossen vor einem blitzsauberen hellblauen Himmel sind dabei, ins Gigantische vergrößerte schreiende Münder, blüten- und fruchtverbrämte homoerotische Phantasien, das Künstlerpaar in "Sting-Land", einer Landschaft aus zu Chlorophyll-Bergen angeschwollenen Blättern vor wolkig blutigem Himmel. Die Farben sind laut, deutlich wie auf Plakatwänden, viel Rot und Grün. Und die Botschaft? "Beauty is truth, truth beauty, that is all ye know on earth and all ye need to know." (Galerie Ascan Crone bis zum 31. Januar; Katalog 10 Mark. Parallel zur Ausstellung zeigt das Abaton-Kino den Film "The World of Gilbert and George" von 1981, die deutsche Erstaufführung.)

Elke von Radziewsky

Braunschweig: "Europäische Malerei des Barock aus dem Nationalmuseum Warschau"

Über ein Jahr wird die Tournee dauern, die eine kleine ausgewählte Bildertruppe unternimmt. Noch drei Reiseetappen, noch drei Visiten (in Utrecht, Köln und München) werden absolviert, bevor die polnischen Gäste in ihr frisch renoviertes Nationalmuseum in Warschau zurückkehren. Ein durchaus barockes Zeitmaß für eine Besuchsfahrt und eine durchaus nicht ungewöhnliche Erfahrung für die Bilder, die von ihren diversen früheren Besitzern, darunter mächtige polnische Magnaten und große Sammler wie Stansilaw Kostka Potocki oder die Radziwills, an Freunde und Verwandte ausgeliehen, auf Reisen mitgenommen wurden. Fünfundsechzig Gemälde wurden ausgesucht, die rüstig genug für diese Strapazen sind. Eine Kür nicht der großen Namen (Rembrandt, Rubens, Poussin und Lorrain fehlen), sondern eine ganz besondere Kollektion, zusammengestellt aus den vielfältigen barocken Themen. Ein ganz außergewöhnlich schönes Portrait aus der Sammlung Potocki ist dabei, ein "Portrait histoire" von Abraham Lambertsz van den Tempel, das eine junge Frau als Diana mit Windspiel, Köcher und Bogen zeigt, außerdem ein von der mit siebenundzwanzig Jahren gestorbenen, hochbegabten italienischen Künstlerin Elisabetta Sirani gemaltes Kinderportrait, eine "Ruinenstadt" von Francesco de Nome (seltenes Beispiel des im Barock entstandenen Genres der Architekturmalerei), wunderbar karge bis verschwenderisch üppige Stilleben von Pieter Simonsz Potter, Nicolaes van Gelder oder Giovanni Battista Ruopollo und auch die Darstellung eines chemischen Labors mit Gruppenportrait von Cornelis de Man. Das Fehlen vieler barocker Malergrößen ist wohl weder Absicht noch Zufall. Der Bestand des Warschauer Museums spiegelt nur zu deutlich die Geschichte des Landes wieder. Kriege, Teilungen, Besetzungen: Immer wieder wurden über Jahrzehnte aufgebaute Sammlungen als Beute verschleppt oder von ihren Besitzern ins Ausland gebracht. Berühmtestes Beispiel: "Der polnische Reiter" von Rembrandt. 1910 führte die Familie Tarnowski das Bild gegen alle Proteste aus. Heute gehört es zur Sammlung Frick in New York. (Herzog Anton Ulrich-Museum bis 29. Januar, Katalog 32 Mark) E. v. R.