Vielen gilt Skilanglauf als Inbegriff eines naturverbundenen Sports: keine planierten Pisten, keine Lifte, kein Lärm. Ökologen jedoch kritisieren die Langläufer als Wildschreck.

Die Popularität des Loipensports ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Allein auf den gut 3000 präparierten Kilometern im und um den Schwarzwald schieben allwinterlich zwei Millionen Skiwanderer durch den Schnee. Auf den Hängen bei Freiburg sieht es sonntags aus wie auf der Autobahn, 4000 Sportler in der Doppelspur. Die Masse macht’s: Skilangläufer suchen nicht die Natur, sie suchen sie heim.

Wenn es voll wird auf den Loipen, sind immer mehr Läufer versucht, zu "Variantenfahrern" zu werden, solchen also, die sich ihre eigene Strecke spuren. Die "wilde" Loipe lockt Nachahmer und unversehens wird auch der letzte Forstwinkel dem Skilauf erschlossen. Eine Umfrage im Nationalpark Bayerischer Wald ergab, daß sich 57 Prozent der Langläufer auch abseits der präparierten Loipen vergnügen. Nur ein Drittel der Befragten aber mochte glauben, daß ihr Sport zu einer Belastung für die Natur werden könnte.

Doch genau das ist der Fall. Für die Wildtiere ist der Winter ohnehin hart genug: die Tage kurz, die Nahrung knapp. Für Rot- und Rehwild gibt es wenigstens Futterplätze, Auer- und Birkhühner hingegen gehen leer aus. Werden diese Großvögel auch noch durch Skiläufer aufgeschreckt, verbraucht die Flucht so viel Energie, daß schon die folgende Nacht den Tod durch Erfrieren bedeuten kann. Das Auerhuhn steht bereits seit längerem auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Ausgerechnet jene Regionen, in denen es sich wohl fühlt, bevorzugt jedoch auch der Langläufer: schneesichere, hochgelegene Waldstücke. Im Schwarzwälder Loipenzentrum Notschrei berührt die Route alle vier als Balzplätze in Frage kommenden Biotope. Aber auch Rothirsche sind gefährdet. Im kahlen Winterwald müssen sie weit rennen, um sich in Sicherheit zu bringen und verbrauchen dabei zehnmal soviel Energie wie im Ruhezustand. Den meisten Skilangläufern ist nicht klar, was sie anrichten, sie erleben die Begegnung mit Wild als Höhepunkt der Tour. Und wer keine Tiere sieht, meint, auch keine gestört zu haben. Wildtiere haben jedoch eine weite Fluchtdistanz. Bevor der Wanderer sie zu sehen bekommt, sind sie meist schon über alle Berge.

Dennoch brauchen Langläufer ihre Ski nicht einzumotten. Mit etwas Umsicht läßt sich die Belastung niedrig halten, manche Gemeinden helfen dabei. Für das Naturschutzgebiet Oberharz ist eine Loipenkarte erschienen (erhältlich bei den örtlichen Fremdenverkehrsämtern), die auf der Rückseite über Wald und Flur informiert; auch das Bayerische Umweltministerium hat ein Faltblatt mit Verhaltenstips herausgegeben.

Manches sollte eigentlich selbstverständlich sein: den Abfall vom Picknick wieder mitzunehmen etwa. Vom Pkw auf den Skibus umzusteigen, erspart der Natur so manches: Abgase, "wildes" Parken auf Wiesen und Wegrändern, Abkürzungen vom Auto zur Loipe. An erster Stelle der Öko-Tips für Langläufer jedoch steht die Aufforderung, sich an die gespurten Loipen zu halten. "Wildtiere sind nämlich durchaus in der Lage", so der natur-Herausgeber Horst Stern, "sich in gewissem Umfang an Störungen zu gewöhnen und mit ihnen zu leben, sofern diese mit einiger Regelmäßigkeit auftreten." Fernhalten sollte man sich von winterlichen Survival-Touren in unberührtem Gelände. Und was die Wildbeobachtung angeht – wie wäre es mit einem Fernglas? A. Oelckers