Von Thomas Hanke

Anfänglich ging der spanische Machismo mit Presse und Regierung durch. Die EG-Präsidentschaft, die Spanien in den ersten Januartagen übernommen hat, wurde dem heimischen Publikum fast wie die Regierungsgewalt über 320 Millionen EG-Europäer vorgestellt. In der knappen Zeitspanne von sechs Monaten wollte Madrid ursprünglich die gesamten EG-Institutionen reformieren und einen ehrgeizigen Wirtschaftspakt mit Lateinamerika abschließen.

Inzwischen hat sich der Übermut gelegt. Aber als administrative Routineangelegenheit verstehen die Spanier ihren sechsmonatigen Vorsitz im EG-Ministerrat dennoch nicht. Nichts soll schiefgehen, alles soll perfekt sein. Aus diesem Grund schickten sie im vergangenen Juni schon vier Architekten zum EG-Gipfel nach Hannover. Sie hatten den Auftrag, diskret zu prüfen, welche Organisationskniffe sich für jenen Gipfel übernehmen ließen, der zum Ende der spanischen Präsidentschaft in Madrid stattfinden soll. Für die noch ungeübten Beamten, die in den vielen EG-Ausschüssen den Vorsitz übernehmen müssen, ließ die Regierung in Madrid vier rote Hefte mit Gebrauchsanweisungen zur Verhandlungsführung drucken. Die Frage, wie sich eine Diskussion abbrechen läßt, die sich gegen die Interessen des eigenen Landes richtet, wird darin genauso behandelt wie die Aufgabe, widerstrebende Delegationen durch geschickte Manipulation der Rednerliste zu isolieren und psychologisch unter Druck zu setzen. Auch der Rat, das Mikrophon abzustellen, bevor man gehässige Kommentare in der Landessprache abgibt, ist nicht vergessen.

Die Spanier haben längst realisiert, daß ihrem inhaltlichen Spielraum Grenzen gesetzt sind. Die sozialen Aspekte des Binnenmarktes, die Steuerharmonisierung, Verhandlungen über das neue Lome-Abkommen, der Ausbau des Europäischen Währungssystems liegen als Schwerpunkte für das erste Halbjahr 1989 schon fest. Als spezifisch spanisches Petitum nennt Carlos Westendorp, der Ständige Vertreter Madrids bei der EG, den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt zwischen Norden und Süden der Gemeinschaft zu festigen und "das Blut auch in die Extremitäten gelangen zu lassen", im EG-Jargon "Kohäsion" genannt.

Die "Südfront" in der EG, die manche Nord-Mitglieder nach dem spanischen Beitritt fürchteten, ist inzwischen keine Bedrohung mehr. Spaniens Diplomaten beherrschen das Spiel mit den wechselnden Allianzen, die allein nach dem jeweiligen nationalen Interesse geschlossen werden, so gut wie die Altmitglieder. Nach Überzeugung eines hohen EG-Beamten haben sie nur ein Ziel: Spanien zum Mitglied des Top-Clubs zu machen – gleichberechtigt neben Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik. "Sie machen keinen Hehl daraus, daß sie an Italien vorbei zu den drei Großen stoßen wollen. Sie sind ihnen von Mentalität und Auftreten her auch viel ähnlicher als den anderen mediterranen Ländern."

Vor allem für die Franzosen sind die Spanier "die Preußen des Südens", wie ein französischer Journalist, der sie in Brüssel beobachtete, halb bewundernd, halb abschätzig feststellt. Mediterrane Lässigkeit ist nicht ihre Stärke. In Brüssel zeichnen sie sich durch Arbeitseifer und penible Genauigkeit aus. Die Auffassung, daß Spanien seine "erste Riege" von Beamten in die Euro-Zentrale geschickt hat, ist einhellig. Gut die Hälfte bis zwei Drittel der spanischen EG-Beamten sind Katalanen. Deren Loyalität scheint allerdings eher der Heimatregion als der Hauptstadt zu gehören. Weil sie sprachgewandter sind als die Kastilier, hatten sie bei den Bewerbungen für Posten in der EG-Kommission die Nase vorn.

Für Madrid bleibt das nicht ohne Konsequenzen. Da Katalanen ausgeprägte Autonomievorstellungen haben und ihre politischen Sympathien mehrheitlich den Konservativen gehören, hat die sozialistische Zentralregierung mitunter Schwierigkeiten bei dem Versuch, die Spanier in der Kommission für ihre Zwecke einzusetzen. Offene Reibereien gab es mit den Basken, die nach dem Vorbild deutscher Länder ein Verbindungsbüro in Brüssel eröffneten, es aber sogleich als "Baskische Botschaft" deklarierten. Das Botschaftsschild war schnell wieder entfernt.

Daß sie viel erreichen können, wenn sie wollen, haben die Spanier seit ihrem Beitritt vor drei Jahren bewiesen. Die Verdoppelung der finanziellen Mittel für die EG-Strukturfonds verdankt sich größtenteils spanischer Hartnäckigkeit, die keinerlei Druck wich. Mit dieser Kraftprobe machten die Spanier deutlich, daß sie nicht an die Wand gespielt werden können. Carlos Westendorp, der seinerzeit die spanischen Beitrittsverhandlungen führte, meint, anfangs habe man das durchaus versucht: "Es ging uns wie dem Klassenneuling, dem gemeine Streiche gespielt werden." Doch das ist vorbei – der Neuling hat das Sagen.