Der größte Erfolg liegt gerade ein paar Wochen zurück. Als Kanzler Helmut Kohl Ende Oktober mit großem Gefolge nach Moskau reiste, da begleiteten ihn auch Manager der Elektrofirmen Siemens und Asea Brown Boverie. Der deutsche und der schwedisch-schweizerische Elektrokonzern hatten gerade eine gemeinsame Tochterfirma zum Verkauf des Hochtemperaturreaktors gegründet. Und mit allerhöchster politischer Protektion gelang ihnen ein Coup: Vertraglich wurde die Lieferung eines Reaktors in die Sowjetunion besiegelt. Stolz feierten die Unternehmer diesen Erfolg als Chance, die Akzeptanz für Kernenergie wieder zu verbessern.

In der Tat galt der Hochtemperaturreaktor als Renommierstück der deutschen Atombranche, deren Ansehen nach Durchstechereien bei den Nuklearbetrieben in Hanau, dem elenden Finanzschacher um den schnellen Brüter und Pannen wie in Biblis arg ramponiert ist. Die Modelle, die aus dem bei Hamm gebauten Prototyp entwickelt wurden, gelten als relativ sicher, weil eine Kernschmelze wie beim Leichtwasserreaktor ausgeschlossen ist, als ökonomisch, weil sie bei nur noch geringem Stromzuwachs in kleinen Einheiten gebaut werden können, und als vielseitig, weil sie nicht nur Strom, sondern auch Prozeßwärme, etwa zur Vergasung von Kohle, liefern können. Kurz: Der Hochtemperaturreaktor war national wie international die große Zukunftschance für die Atomindustrie.

Nun plötzlich scheint das alles nicht mehr zu gelten. Denn die Betreiberfirma bat den Forschungsminister in Bonn und den Wirtschaftsminister in Düsseldorf um das Einverständnis, den Prototyp stillzulegen. Ganz wörtlich ist das zwar nicht gemeint, aber ein Schritt in dem vom schnellen Brüter bereits sattsam bekannten Poker um Geld vom Staat. Bund und Land, die bereits die Investitionen von vier Milliarden Mark weitgehend gezahlt und weitere 450 Millionen als Risikoabsicherung zugesagt haben, sollen noch einmal mehr als eine halbe Milliarde Mark auf den Tisch legen. Der Betrieb des Reaktors, der wegen technischer Mängel seit Herbst vergangenen Jahres stilliegt, ist weitaus teurer als erwartet.

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will keine Mark mehr geben. Diese Entscheidung war zu erwarten, denn sie entspricht nicht nur den sozialdemokratischen Parteitagsbeschlüssen, aus der Atomenergie auszusteigen, sondern auch den Interessen des Landes. Die einstige Hoffnung, mit dem Hochtemperaturreaktor Kohle verflüssigen oder vergasen zu können, hat sich nämlich längst verflüchtigt. Das ist nicht nur zu teuer, sondern die Anlage erreicht auch nicht die Temperaturen, die dafür nötig sind.

Die Entscheidung liegt also beim Bonner Forschungsminister Heinz Riesenhuber, und der ist darum nicht zu beneiden. Denn der noch zu sozialliberalen Regierungszeiten geschlossene Vertrag läßt den Staat immer im Obligo. Würde sich Riesenhuber dem Ansinnen der Betreiber verweigern, müßte er möglicherweise sogar noch mehr zahlen als die geforderte halbe Milliarde. Wollte er in den elenden Schacher mit der Atomindustrie um immer neues Geld vom Staat aber klare Verhältnisse bringen, dann brauchte er nur nein zu sagen und sich an ein Prinzip zu halten, das unserer Wirtschaftsordnung entspricht und von der Regierung immer wieder betont wird, wenn es um die Förderung alternativer Energien geht: Der Markt soll entscheiden. Hat der Hochtemperaturreaktor Verkaufschancen, dann sollen Firmen wie Siemens und Asea/BBC zahlen, sie machen schließlich das Geschäft. Hat er sie nicht, dann ist er ein Muster ohne Wert – auch wenn er noch ein paar hundert Millionen kostet. Rainer Hupe