Von Matthias Naß

Am 15. August 1945, einem drückend heißen Tag, versammelte sich die japanische Nation um zwölf Uhr mittags vor den Rundfunkempfängern. Viele Menschen hatten ihre Festtagskleidung angelegt. "Dies ist eine äußerst wichtige Sendung", verkündete der Sprecher der staatlichen Rundfunkgesellschaft. "Seine Majestät der Tenno wird jetzt sein Kaiserliches Reskript an das japanische Volk verlesen. Alle Hörer werden gebeten, sich zu erheben. Wir senden nun respektvollst seine Stimme."

Nie zuvor hatte ein japanischer Kaiser zu seinem Volk gesprochen. Er war der Sproß der Sonnengöttin Amaterasu Omikami, selbst ein Gott. An diesem 15. August 1945 hörten die Japaner zum erstenmal die Stimme ihres Tenno, die "Stimme des Kranichs": krächzend, das höfische Kaiser-Japanisch den meisten kaum verständlich. Es war der Tag der bedingungslosen Kapitulation Japans. Am 6. August hatte die erste Atombombe Hiroshima vernichtet, am 8. August war die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan eingetreten, am 9. August fiel die zweite Atombombe auf Nagasaki. Japan war am Ende.

"Die Kriegslage entwickelt sich jeden Tag ungünstiger für uns", hieß es in dem Entwurf der Rundfunkansprache, den Chefkabinettssekretär Sakomizu für Kaiser Hirohito verfaßt hatte. Die Militärs wehrten sich mit Händen und Füßen gegen diese Formulierung. "Die Kriegslage hat sich nicht unbedingt zugunsten Japans entwickelt", lautete schließlich die überarbeitete Passage in dem vom Obersten Kriegsrat und vom Kabinett gebilligten Text. Der Tenno hatte schon seit längerem keinen Zweifel mehr gehabt, daß die Kapitulation unabweisbar geworden war. Jetzt forderte er sein Volk auf, "das Unerträgliche zu ertragen und das nicht Duldbare zu erdulden".

Noch in letzter Minute hatten sich fanatisierte jüngere Offiziere gegen das Eingeständnis der japanischen Niederlage gestemmt. In der Nacht stürmten sie den Kaiserpalast auf der Suche nach der Schallplatte, auf der die Kapitulationserklärung des Tenno am Vortag aufgezeichnet worden war. Sie fanden sie nicht. Eine Hofdame hatte die Schallplatte in ihrer Kammer sicher verborgen. Die Rundfunkansprache konnte gesendet werden. Verzweifelt setzten Dutzende von Offizieren vor dem Tor des Kaiserpalastes ihrem Leben mit der rituellen Selbstentleibung der Samurai, dem seppuku, ein Ende.

Die "Stimme des Kranichs" war verklungen. Japan war wie betäubt. Die stärkste Nation in Fernost lag am Boden, ihre Städte von den amerikanischen Bomberflotten verwüstet, besiegt die schlagkräftigste Armee Asiens, deren Truppen von der Mandschurei bis nach Niederländisch-Indien, von Birma bis zur Inselwelt des Südpazifik ihre Kriegsflagge über den unterworfenen Nachbarstaaten gehißt hatten. Zerstoben der Traum von der "Großostasiatischen Wohlstandssphäre", die das imperialistische Japan in der Region errichten wollte.

Doch die Japaner nahmen die Niederlage mit derselben kollektiven Disziplin hin, mit der sie ihrem obersten Feldherrn zuvor in den Krieg gefolgt waren. Gerade noch hatten sich die Kamikaze-Flieger mit dem Ruf Tenno heika banzai! ("Lang lebe der Kaiser!") auf die amerikanischen Kriegsschiffe gestürzt. Aber als nun die ersten Besatzungstruppen landeten, leistete niemand Soldaten stand. Hatte nicht der Kaiser, dem seine Soldaten ihren Treueeid geschworen hatten, von all seinen Untertanen verlangt, sich in das Unabwendbare zu fügen? Mit seiner Ansprache bewirkte er "über Nacht", so spottete später die Schriftstellerin aus sako Matsubara, "daß sich das japanische Volk aus einem zähnefletschenden Tiger in einen friedlich sich lausenden Affen verwandelte".