Konkursverwalter erfreuen sich, wie Totengräber, gemeinhin keiner besonderen Verehrung. Dank ernten sie selten. Sie sind nicht strahlende Unternehmergestalten, nicht Mehrer von Ruhm und Gewinn, sondern Verwalter der Pleite. Welche Eltern möchten schon, daß ihre Tochter einen Konkursverwalter heiratet!

Julij Woronzow jedoch könnte mit dem Vorurteil gegen den Berufsstand aufräumen. Durch die Entscheidung, die sowjetischen Truppen nach über acht Jahren aus Afghanistan abzuziehen, hat Michail Gorbatschow politischen Mut gezeigt; mit der Ernennung von Woronzow zum letzten sowjetischen "Vize-König" in Kabul und Liquidator des Afghanistan-Abenteuers hat er den besten Mann auf das schwerste Amt gesetzt.

Denn Woronzow, Erster Stellvertretender Außenminister der UdSSR und seit Oktober vorigen Jahres auch Botschafter in der afghanischen Hauptstadt, gehört zur Spitzenriege der sowjetischen Diplomatie, übrigens nicht erst seit Gorbatschows Amtsantritt. Lange Jahre hat er in der Uno Verbindungen mit der Dritten Welt geknüpft. In Indien war er Botschafter, ebenso in Paris. Amerika kennt er, er pflegt bei Debatten mit geradezu angelsächsischer Freude den harten, aber nie verletzenden Schlagabtausch.

Wann immer die Moskauer Zentrale zu dem Schluß kam, die sowjetische Politik müsse aus den Rillen der Bürokratie herausgehoben werden, stand Woronzow bereit: in den schwierigen Belgrader KSZE-Gesprächen Ende der siebziger Jahre, in den sowjetisch-amerikanischen Abrüstungsverhandlungen knapp zehn Jahre später. Wenn Woronzow kam, dann wurden in der Regel Nägel mit Köpfen gemacht.

Als "Fürst" titulierten ihn die Reporter in Belgrad nicht nur wegen der wohl irrigen Vermutung, Woronzow sei Nachfahre eines bekannten sowjetischen Adelsgeschlechtes. Vielmehr schwang da überraschte Hochachtung mit für den gewandten Stil des heute 58jährigen. Er redet nur selten um den heißen Brei herum, setzt unsentimental auf die Machtposition der Sowjetunion, attackiert wohlgemut, wo er eine Bresche im Argument seiner Gegenspieler wähnt. Rückschläge sowjetischer Politik sucht er nicht zu verniedlichen. Nüchtern, doch mit Witz und Bildung wirbt er um Vertrauen.

Die Mudschaheddin in Afghanistan allerdings hat er damit nicht gewinnen können. Aber Woronzow, der an den Genfer Verhandlungen mitwirkte, die zu der Afghanistanregelung führten, wußte, auf was er sich mit der Kabuler Mission einließ. Ein anderer hätte sich angesichts der verfahrenen Lage darauf beschränkt, das Abzugsdatum am 15. Februar distanziert hinter sich zu bringen. Aber Woronzows Art ist es nicht, die Hände in den Schoß zu legen; noch immer drängte er ungeduldig auf Ergebnisse.

Seit Wochen nun versucht er das Unmögliche: in Kabul eine Regierung zusammenzuzimmern, in der Vertreter der (siegreichen) Aufständischen und der (gescheiterten) Kommunisten gemeinsam den Wiederaufbau des zerstörten Landes anpacken könnten. Dahinter steht gewiß der Versuch, Moskau den sonst unvermeidlichen Gesichtsverlust zu ersparen. Aber es geht um mehr: Was wird denn aus Afghanistan und den umliegenden Regionen, wenn bis Mitte Februar keine Koalition der Versöhnung, sondern nur eine Konfrontation des Hasses übrigbleibt?