Von Helmut Trotnow

Zum 70. Todestag von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ist jetzt in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ein Dokument veröffentlicht worden, das neues Licht auf die Politiker wirft, insbesondere auf die Umgebung und Atmosphäre, in der sie in den letzten vier Jahren ihres Lebens gewirkt haben. Es handelt sich um die Erinnerungen von Mathilde Jacob und trägt den Titel: „Von Rosa Luxemburg und ihren Freunden in Krieg und Revolution 1914 – 1919“. Die Existenz dieses Dokumentes war der Fachwelt bereits bekannt, kleinere Ausschnitte sind sogar auch schon verschiedentlich genutzt worden. Und doch ist es gut, daß die Erinnerungen jetzt geschlossen vorliegen, einschließlich der Anmerkungen aus der ursprünglichen Fassung, die nach dem Urteil der beiden Herausgeber „spontaner und direkter“ ist.

Der Name der Verfasserin dürfte den Nicht-Eingeweihten wenig sagen. Selbst die Fachwelt hat Mathilde Jacob lange Zeit als „graue Maus“ betrachtet, ausgezeichnet allein dadurch, daß Rosa Luxemburg ihr aus dem Gefängnis heraus eine Reihe von Briefen schrieb. Der DDR-Schriftsteller und Hobby-Historiker Heinz Knobloch hat dieses Bild mit einer ausgezeichneten literarischen Biographie gründlich revidiert. Auch die Erinnerungen lassen erkennen, daß sich hinter dieser Frau weit mehr als nur die Sekretärin von Rosa Luxemburg verbirgt.

Mathilde Jacob war Inhaberin eines Schreib- und Übersetzerbüros, als sie 1913 die sozialdemokratische Politikerin kennenlernte. Sehr schnell entwickelte sich eine auch emotional begründete Beziehung. „Niemals vorher“, beschreibt Mathilde rückblickend ihre Empfindungen, „hatte eine Frau einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ihre großen leuchtenden Augen, die alles zu verstehen schienen, ihre Bescheidenheit und ihre Güte, fast kindliche Freude an allem Schönen, ließen mein Herz für sie höher schlagen.“

Nach dem Kriegsausbruch bedurfte Rosa Luxemburg einer intensiven Betreuung, denn als Politikerin, die bekanntermaßen gegen den Krieg eingestellt war, verbrachte sie den Großteil der Zeit in Gefängnissen und Haftanstalten, noch dazu an Orten wie Wronke in der Provinz Posen oder Breslau, weit entfernt von Berlin. Mathilde hat in dieser Zeit die Inhaftierte nicht nur mit den Notwendigkeiten des täglichen Lebens versorgt, sie hielt auch den Kontakt zur Außenwelt, insbesondere zu den politischen Mitstreitern. Ein Großteil der Manuskripte, die Rosa Luxemburg im Gefängnis schrieb und die als Flugblatt, Artikel oder Broschüre veröffentlicht wurden, sind von ihrer Freundin nach draußen geschmuggelt und für die Veröffentlichung aufbereitet worden. Seit 1917 lautet denn auch die Anrede in den Briefen „Meine liebste Mathilde“. Die Fürsorge blieb über den Tod von Rosa Luxemburg hinaus bestehen. Das entschlossene Handeln von Mathilde Jacob sorgte dafür, daß Rosas Leichnam nicht namenlos verscharrt wurde. Sie identifizierte ihn und sorgte dafür, daß Rosa Luxemburg wie die anderen Opfer der Januarkämpfe auf dem Friedhof in Friedrichsfelde ihre letzte Ruhestätte fand.

Mathilde Jacob hat alle wichtigen Entscheidungen und Aktivitäten der Gruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg unmittelbar miterlebt: die Gründung der Zeitschrift Die Internationale 1915, die Protestaktion zum 1. Mai 1916 auf dem Potsdamer Platz von Berlin, die Karl Liebknecht vier Jahre Zuchthaus einbrachte, die illegale Herausgabe der „Spartakusbriefe“ seit 1916 und schließlich die turbulenten Ereignisse nach dem 9. November 1918. Kein Wunder also, wenn sich in ihren Erinnerungen eine Fülle von Details finden – im Faktischen wie im Personellen. Nehmen wir beispielsweise Rosa Luxemburgs Verhältnis zur Russischen Revolution. Noch während ihres Gefängnisaufenthalts hatte sich die marxistische Theoretikerin hingesetzt und eine zum Teil vernichtende Kritik an der Politik der Bolschewiki unter Führung Lenins geschrieben. Als sie am 10. November 1918 ins revolutionäre Berlin zurückkehrte, wollte sie der Mitstreiter Eduard Fuchs unbedingt deswegen sprechen. Es kam jedoch nicht dazu, und Mathilde konstatiert: „Rosa Luxemburg hat ihre kritische Einstellung zur Taktik der Bolschewiki, trotz vieler Bemühungen, auch anderer Genossen, nicht aufgegeben.“ Schon aus diesem Grund ist das Schlagwort von der bolschewistischen Gefahr ein Popanz, denn selbst wenn die deutsche Kommunistin gekonnt hätte, wäre sie nicht dem russischen Beispiel gefolgt.

Was die handelnden Personen anbelangt, so bieten die Erinnerungen eine recht traurige Lektüre. Sie alle wurden Opfer politischer Gewalt. Auch die Verfasserin: Sie starb 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Leo Jogiches, der wie Rosa Luxemburg aus Russisch-Polen stammte und sie wohl nicht nur am längsten, sondern auch am besten kannte, kam im März 1919 im Gefängnis um. Als Mathilde ihn identifizieren wollte, warnte der Wärter: „Frau, bleiben Sie draußen, den Anblick werden Sie nie wieder los.“ Und schließlich ist auch noch Paul Levi zu nennen, der in einem Beleidigungsprozeß gegen den Untersuchungsrichter Dr. Jorns – er wurde später Oberreichsanwalt am Volksgerichtshof – noch einmal den Mordfall Liebknecht-Luxemburg ans Licht der Öffentlichkeit brachte. Bei der Revisionsverhandlung erkrankte er und stürzte sich im Fieberwahn aus dem Fenster seiner Berliner Wohnung, unweit jener Stelle, an der 1919 die Mörder von Rosa Luxemburg die Leiche in den Landwehrkanal geworfen hatten.