Claude Debussy: "Préludes" – Volume 2

Eine Jahrhundertaufnahme! Erst vor wenigen Monaten produziert, wurde sie ihrer Rarität und Singularität gerecht in kürzester Zeitspanne herausgebracht. Die exorbitante Wiedergabe durch Arturo Benedetti Michelangeli müßte noch den letzten Zweifler überzeugen, daß diese Stücke – obwohl schon 1913 komponiert – in diesem Jahrhundert nichts Vergleichbares haben an moderner Kühnheit wie gehaltvoller Substanz klavieristischer Erfindung. Der erste Band der Sammlung, drei Jahre zuvor entstanden, zählt dazu – Michelangeli hatte ihn vor zehn Jahren eingespielt: Auch ihn, den Unnachahmlichen, hat diese Dekade offenkundig weitergebracht. Die in seinem Spiel noch gereiftere Kongruenz von Emotion und Intellekt, von formaler Strenge und impressionistischem Gespür, nicht zuletzt von manueller Simplizität und aberwitziger Virtuosität wird nicht einmal vom legendären Idol Walter Gieseking übertroffen, gleich, ob es sich um das immer noch avantgardistische Eingangsopus (" ... Brouillards"), die archaisierende Akkordik und Einstimmigkeit des zehnten Stückes (" ... Canope") oder gar um den Inbegriff von Debussys klarviertechnischer und kompositorischer Könnerschaft handelt, den brillanten und populären Schlußpunkt des Zyklus (" ... Feux d’artifice"). Ohne sich sklavisch an jede Dynamik- oder Tempovorschrift zu halten, exponiert der Italiener das beispiellose Arsenal an Klangmitteln mit kongenialem Zugriff, in dem Sinnlichkeit, Herbheit und manuelle Kultiviertheit auf einsamer Höhe zusammenfinden. In Akademien und Meisterklassen, nicht minder in Liebhaberzirkeln und gehobenen Haushalten darf diese auch technisch makellose Einspielung eines Gipfelwerkes moderner Zeit nicht fehlen. (DG 427 391 -2) Peter Fuhrmann

Gerhard Rühm: "das leben chopins und andere ton-dichtungen"

Gerhard Rühm hören, immer wieder dasselbe Gedicht lesen. Dazwischen ins Leere starren und im Tonfall des Gedichts träumen. Buchstaben tönen, manchmal verschieben sich die Akkorde, und aus den alten Klangbausteinen entsteht eine neue Bedeutung. Gerhard Rühm verwandelt Buchstaben, Wörter, Texte in Musik. Er erzählt "das leben chopins" – 39 Jahre in 39 Teilen, Tonstufe um Tonstufe. Buchstaben entsprechen Tönen, und sie wiederholen sich. Liebe, Tod, Komposition, Krankheit, Reisen, Konzerte – es schreitet fort und ist doch begrenzt: von der Rückkehr in die Vergangenheit als tiefem Baßton und durch einen verwegenen Sprung in den Diskant der Zukunft. 39 Stufen – "dazwischen verläßt chopin nur noch selten seine wohnung, da ihm das treppensteigen schwere beklemmungen verursacht". Gerhard Rühms Musik ist wie ein langsames Blättern in Tönen, "ton-dichtungen", die sich ihre harmonischen und rhythmischen Abläufe von der Sprache diktieren lassen. Aber der Matthias Hauer-Schüler Rühm begnügt sich nicht mit einer mechanischen Umsetzung eines Systems, er strukturiert den Text vor, wählt geeignete Gedichte aus und ordnet ihnen "passende" Tonarten zu, so daß trotz einer gemeinsam verhaltenen a-tonalen Grundstimmung in jedem Stück ein anderer Text tönt. So klingt das "klavierstück über einen witz des amerikanischen Präsidenten" entsprechend deprimierend, während "pornophonie" auf einen obszönen Höhepunkt zusteuert. Aber vielleicht hört man auch nur, was der Titel verspricht. Rühms Klavierstücke lassen in ihrer langsamen Regelhaftigkeit Raum für Imaginationen: sachliche Musik für Gedankenträume. (Edition Block EB 115/6)

Konrad Heidkamp