STANFORD. – Für die Hysterie an der Wall Street und in Washington über das staatliche Haushaltsdefizit gibt es keinen wirklichen Anlaß. Gewiß, in einer idealen Welt sind die Staatsausgaben und Einnahmen immer ausgeglichen. Aber es gibt bei dem gegenwärtigen Stand keinen Grund zur Panik. Denn das amerikanische Haushaltsdefizit ist eigentlich zu einem eher nebensächlichen Problem unserer Volkswirtschaft geworden.

Gewiß erschreckt die Summe von 140 Milliarden Dollar. Aber sieht man das Defizit vor dem Hintergrund der gesamten Wirtschaftsleistung, gibt sich der Schrecken rasch. Das Haushaltsdefizit macht zum Beispiel weniger als drei Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts aus. Das liegt im Rahmen der bisherigen Erfahrungen und ist im übrigen eine erhebliche Verminderung im Vergleich zu dem Höchststand 1982, als die Haushaltslücke noch sechs Prozent des Volkseinkommens betrug.

Zudem waren die Anstrengungen, das Defizit unter Kontrolle zu bringen, von beachtlichem Erfolg gekrönt. Die Staatsschuld wächst heute nicht mehr schneller als die Gesamtwirtschaft. Bei einem Wirtschaftswachstum von sieben Prozent und einer Verschuldung von zwei Billionen Dollar kann die Schuldenlast jährlich durchaus um 140 Milliarden Dollar steigen, ohne die Schuldenquote, also das Verhältnis von öffentlichen Schulden zum Bruttosozialprodukt, anzuheben. Selbst pessimistische Prognosen sagen inzwischen von 1989 an ein noch günstigeres Verhältnis voraus. Die Schuldenlast Amerikas wächst eben langsamer als die Volkswirtschaft insgesamt.

Es mag zwar stimmen, daß ein niedrigeres Defizit zu niedrigeren Zinsen und möglicherweise zu einer höheren Sparquote führen würde. Aber noch immer floriert die Wirtschaft. Der Aufschwung dauert inzwischen fast sieben Jahre an – die längste Expansionsphase in Friedenszeiten. Der Anteil der Investitionen für Betriebsanlagen und Maschinen an der Gesamtproduktion war noch nie so hoch wie heute. Nur bei Investitionen, die stärker von Zinsschwankungen abhängig sind, wie private und geschäftliche Bauvorhaben, fiel der Anteil im Vergleich zu früheren Jahren.

Panikmache kann auch sehr schädlich sein. Die wirtschaftlichen Veränderungen, die mit einem wirksamen Anti-Defizit-Programm einhergehen, würden nicht allen gefallen. Wenn der amerikanische Kongreß Steuererhöhungen oder weitere Ausgabenkürzungen beschließt, würden sinkende private und öffentliche Ausgaben die Wirtschaft schrumpfen lassen. Die Notenbank müßte dann ertscheiden, ob sie die Zinsen auf ihrem gegenwärtigen Stand hält oder sie sinken läßt.

Bleiben die Zinsen stabil, dann kommt es zu einem leichten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, und die Arbeitslosigkeit würde zunehmen. Wenn die Notenbank dagegen auf Expansion setzt und die Zinsen senkt, um ein Wirtschaftswachstum von zwei bis drei Prozent zu erreichen, würde der Dollar weiter fallen und der Verbraucher für eingeführte Waren mehr zahlen müssen. Natürlich wäre ein Rückgang der Zinsen zu begrüßen und wahrscheinlich ist dies die beste Antwort. Umgekehrt würde der Versuch, Wertverluste des Dollars zu vermeiden, niedrigere Zinsen ausschließen. Die Folge wäre ein Rückgang wirtschaftlicher Aktivitäten.

Im übrigen wirkt sich das Defizit durchaus positiv auf die amerikanische Politik aus: Das Zeitalter großzügiger Staatsausgaben ist zu Ende.