Seit neun Jahren herrscht Bürgerkrieg im mittelamerikanischen El Salvador, nach den Friedenshoffnungen von 1987 eskaliert der Konflikt erneut. Allein 1988 will die linke Guerilla 7932 Soldaten getötet oder verletzt haben; Menschenrechtsorganisationen werfen Armee und Todesschwadronen 1747 Morde an Zivilisten vor. Einer von ihnen war der Schweizer Theologe Jürg Dieter Weis. Am 22. August 1988 sei der "Terrorist", so die amtliche Version, bei einem Gefecht zwischen Rebellen und einer Militärpatrouille erschossen worden. Eine internationale Delegation, die den Fall Weis minutiös untersuchte, hat jetzt ihre Ergebnisse vorgelegt: "Die Mörder von Jürg Weis gehören der Armee oder anderen salvadorianischen Sicherheitskräften an."

Jürg Weis war Mitarbeiter des Zentralamerika-Sekretariats in Zürich, einer Koordinationsstelle Schweizer Dritte-Welt-Komitees, eine profilierte Figur in der europäischen Solidaritätsbewegung für El Salvador – und nach einer Festnahme während einer früheren Reise auch den salvadorianischen Behörden bekannt. Seine Freunde vermuteten bei der Todesnachricht sofort, daß der 42jährige protestantische Pfarrer nicht mit einer Waffe in der Hand gefallen, sondern gefoltert und ermorden worden sei. Unterstützt durch ein Votum des Europaparlaments flog eine Gruppe von neun Schweizer und bundesdeutschen Rechtsanwälten, Pfarrern und Politikern noch im September nach San Salvador, um in Gesprächen mit Zeugen, Militärs und Zivilbehörden die Todesumstände zu eruieren.

Der diese Woche veröffentlichte Untersuchungsbericht liest sich zunächst wie eine sachliche und akribische Widerlegung jener Darstellung, mit der Armee und Polizei vor die Öffentlichkeit getreten waren. Laut Bulletin 234 des Verteidigungsministeriums geriet nahe der Stadt Ilobasco in der Provinz Cabanas eine sechsköpfige Patrouille in einen Guerilla-Hinterhalt. Bei einem einstündigen Schußwechsel seien drei Terroristen getötet worden. Anschließend habe man Jürg Weis, angeblich "eine noch heiße Waffe im Arm", anhand seines Passes identifiziert. Um ihren angeschossenen Kommandanten zu versorgen und Verstärkung zu holen, habe man die Leichen jedoch zwei Stunden unbewacht in einem Maisfeld zurücklassen müssen. Diese Zeit habe die Guerilla genutzt, um Weis’ Leichnam bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln.

Diese Darstellung, so weist die Delegation nun nach, ist unhaltbar. Zentraler Baustein ihrer Argumentationskette ist der Autopsiebericht des Gerichtsmedizinischen Instituts der Universität Basel. Denn während die anderen beiden "Terroristen" auf dem Armenfriedhof von Ilobasco verscharrt wurden, gelang es dem Schweizer Konsul, die sterblichen Überreste von Jürg Weis vor dem Zugriff der Behörden sicherzustellen und nach Europa überführen zu lassen.

Das Gutachten von Professor Dirnhofer stellt zahlreiche Hieb- und Stichwunden fest, die Weis noch zu Lebzeiten erlitten haben muß. Auch trafen ihn die vermutlich tödlichen Schüsse aus nächster Nähe. Damit steht für die Delegation fest, daß Weis nicht in einem Scharmützel aus mehreren Metern Entfernung erschossen wurde, sondern: "Jürg Weis wurde von salvadorianischen Sicherheitskräften lebend gefaßt und ... mißhandelt." Im Anschluß an Folterungen sei er "mit einer Gewehrsalve durchlöchert worden". Mehr mit Hilfe von Indizien als mit klaren Beweisen erklärt die Delegation die brutale Verstümmelung des Opfers. Die Version des Militärs, die Guerilla habe Weis’ Identifizierung verhindern wollen, erscheint paradox: Warum sollten die Rebellen Hals und Gesicht ihres "Kameraden" entstellen, wenn sie anschließend seinen Paß zurücklassen? Der Untersuchungsbericht zieht einen anderen Schluß: Gesichtsverstümmelungen seien zur Abschreckung der Bevölkerung "gängige Praxis von Spezialeinheiten der salvadorianischen Sicherheitskräfte und ihren Todesschwadronen".

Dieses Zwischenergebnis – "kein Gefecht, sondern Mord" – wird zudem durch anonyme Zeugenaussagen gestützt. So wollen Anwohner beobachtet haben, wie Weis erst von der Nationalpolizei verschleppt und dann ermordet wurde. Ausdrücklich verzichtete die Uitersuchungskommission auf diese nicht überprüfbaren Aussagen. Delegationsmitglied Gaby Gottwald: "Der Autopsiebericht allein widerlegt eindeutig die Version der Beiörden."

Dennoch klammern sich bis heute Militärführung und Zivilverwaltung, Verteidigungsminister wie einfache Soldaten an ihre Darstellung, Weis sei "im Gefecht gefallen". Dabei verstricken sich die Salvadorenos jedoch in zahllose Widersprüche und Ungereimtheiten.