Einmal, das habe ich genau gesehen, einmal hat er heimlich gegähnt. Auf dem Bildschirm, in der Nahaufnahme konnte man es gut erkennen. Irgendwer sprach, das Plenum war immerhin beinahe zu einem satten Einundzwanzigstel gefüllt, und die amtierende Präsidentin schien über ihrem Glöckchen eingenickt, als die Kamera zufällig sein Haupt streifte, seinen kecken Schnabel. Da sah ich: Er gähnte, der Bundesadler des Deutschen Bundestages gähnte, ein wenig und auch nur ganz kurz. (Er hat ein kleine, aber rote Zunge.)

Seitdem hatte ich ihn um so lieber. Wie er da so lotusblütenlässig an der dekorativen Noppenwand lehnte, seinen Bauch mit den paar Federn (als sei er gerade in der Mauser) vorstreckte und mit seinem Auge funkelnd in den Saal linste – das hatte was. Das ist einer von uns, dachte ich oft, ein Vogel aus dem Volk sozusagen.

Ja, ich glaube, er ist recht beliebt. Alle kennen ihn und sahen ihn via Bildschirm manchen Abend. Und doch: "man" will ihn nicht mehr. Ganz offen sagt das zwar niemand, aber als jetzt zu lesen und zu hören war, daß "der Adler" vermutlich nicht mehr zu retten sei, erhob sich kein Laut der Klage auf der weiten politischen Flur.

Nicht mehr zu retten – denn seit nunmehr bald zwei Jahren, seit 1987 der alte Plenarsaal niedergerissen wurde, liegt das treue Tier aus Gips und Rabitzdraht, in 25 (!) Teile zersägt, in irgendeinem Bonner Fundus und bröselt vor sich hin. Zwar beflügelt eine verkleinerte Version des Vogels das parlamentarische Asyl im Wasserwerk, doch es scheint, als solle dies sozusagen sein letzter Auftritt in Staatsdiensten sein. Für den neuen Saal wird dann wohl auch ein ganz neuer Adler geschnitzt; denn, und dies ist der wahre Grund für diesen stillen Fall von Wappentierquälerei: der Adler, dieser Adler, gefällt nicht mehr.

Er habe, so ist zu lesen, überhaupt nie gefallen. Er sei, wird Volksvertreters Meinung von damals, 1953, kolportiert, als der Bildhauer Ludwig Gies sein Werk gleich in Bronze gießen lassen wollte, sich dann aber mit Gips und Draht begnügen mußte – er sei "zu dick", eine "fette Henne", und vor allem: er entbehre komplett, ja, widerspreche gar jener zutiefst deutschen Dynamik, die sich damals gerade wieder zu entfalten begann und die bis heute unser Staatswesen zu immer kühnerer Leistung treibt.

Tja, das ist wohl wahr. Ein scharfer Senkrechtstarter, ein tollkühner Tiefflieger ist dieser Vogel nicht. Und vergleicht man Gies’ Werk mit den Greifen anderer Länder, mit dem perfekt durchtrainierten Seeadler der USA oder auch nur mit dem zackigen Archeopterix der Österreicher – dann versteht man schon, warum dieses Bildnis hierzulande keine rechte Karriere machen konnte: Vom Stander der bundespräsidialen Kalesche bis zu den Portalen unserer Kreiswehrersatzämter repräsentieren wesentlich kernigere Vögel die staatliche Hoheit.

Dieser kleine dicke Adler – schon flüchtigste anatomische Expertise würde völlige Flugunfähigkeit bescheinigen –, dieser rheinische Spätling der uralten Reichsadlersippe kann, so wird wohl mancher heimlich denken, doch unmöglich deutsche Weltgeltung verkörpern, das Land mächtigster Großkonzerne, das Land Helmut Kohls und Hans-Dietrich Genschers, das Land Steffi Grafs und Ute Lempers! Und muß den Parlamentarier, der doch stets vor Augen haben sollte, im Interesse welch gewaltiger Nation er da seine Stimme erhebt und abgibt, muß ihn ob des Anblicks dieses so durch und durch unheraldischen Tieres nicht tiefer Unmut, stille Mutlosigkeit ergreifen?