Gibt es eine vernünftige Lösung – für jene DDR-Bürger, die jetzt wieder Zuflucht in den Bonner Vertretungen zu Ostberlin, Prag und Bukarest gesucht haben – hoffend, daß sie sich so die Ausreise aus Erich Honeckers Staat erzwingen können? Überhaupt für alle, die diesem ungeliebten Staat den Rücken kehren wollen?

Lange Zeit glaubten viele, wenn erst einmal freieres Reisen von Ost nach West möglich werde, müsse auch die Zahl der Ausreise-Suchenden abnehmen. Dies war ein Fehlschluß. Dann heftete sich Hoffnung an eine neue, verrechtlichte Ausreiseregelung. Auch diese Hoffnung, so scheint es nun, war trügerisch: Die neuen Vorkehrungen haben den Druck im Kessel nicht gemindert. Selbst eine Lösung nach dem Muster des Augsburger Religionsfriedens von 1555 – cuius regio, eins religio, zu deutsch: wessen Gebiet, dessen Glaube, mit Umsiedlungsrecht für begrenzte Zeit – würde wohl nur kurze Zeit Erleichterung schaffen. Das SED-System ist von der Art, daß es Dissidenten und Flüchtlinge immer wieder nachwachsen läßt. Einen Nullpunkt der Zufriedenheit vermag es nicht herzustellen; und die Schwundquote wird stets größer sein, als der Stolz der Obrigkeit verträgt. Jedenfalls, wie zu befürchten steht, noch auf Jahrzehnte hinaus.

Außerdem, schrecklicher Gedanke: Kämen jetzt Zigtausende oder Hunderttausende, fände die Wiedervereinigung Schritt um Schritt auf dem Boden der Bundesrepublik statt – setzten sich nicht alle, die sie willkommen hießen, dem linken Vorwurf der "Deutschtümelei" aus? Th. S.