Für die Presse kam der Feind aus dem Südwesten. "Schlimmste Grippewelle seit 1972 legt Münchner flach", titelte die Münchner Abendzeitung zur Jahreswende und wußte: "Der unliebsame Weihnachtsgruß kommt direkt aus Frankreich". Ein weit verbreitetes Vier-Buchstaben-Blatt nannte seinen Lesern sogar eine präzise Zahl in der Schlagzeile: "Grippe-Welle aus Frankreich, 250 000 Hamburger hat’s erwischt". Und das Fernsehen dokumentierte in der vergangenen Woche mit Bildern aus rege besuchten Apotheken, wie die "Grippe" wieder zugeschlagen habe.

Nachfrage bei Fachleuten ergab jedoch, daß von einer bundesweiten Grippe-Welle derzeit schwerlich die Rede sein kann. Im Gegenteil. Godske Nielsen, Direktor des Instituts für Impfwesen und Virologie in Hamburg zeigte sich besorgt über den schlechten Immunschutz der Bevölkerung. Die Zahl der Antikörper im Blut gegen Grippeviren sei außergewöhnlich niedrig, eine Folge der Impfmüdigkeit und vor allem der Tatsache, daß in den letzten Jahren keine starken Grippe-Epidemien mehr aufgetreten sind. Friedrich Deinhardt, Virologe an der Universität München, meldete eine ähnliche Situation für Bayern und bestätigte Nielsens Einschätzung.

Auch Werner Lange, Grippefachmann beim Bundesgesundheitsamt und Leiter des Nationalen Influenza-Zentrums in Berlin, bekräftigt, daß "mit Sicherheit keine Grippe-Epidemie" derzeit grassiert. Die jetzige Erkältungswelle sei "jahreszeitlich üblich und durch nichts auffällig", außer "daß sie etwas stärker ist als in den Vorjahren, die eher ungewöhnlich niedrige Erkrankungsraten auch bei den Erkältungen aufwiesen".

Die Grippe-Welle erweist sich somit als eine Medien-Welle. Spötter sagen, ein Deutscher, der dreimal niese, meine gleich, er habe eine Grippe. Das mediale Mißverständnis beruht jedoch vorwiegend auf dem schludrigen Umgang mit den Begriffen Erkältung oder "grippaler Infekt" einerseits und der echten Grippe, medizinisch Influenza genannt, andererseits. Denn ein grippaler Infekt, der meist in einer Woche ausheilt, und eine Grippe, die im allgemeinen wesentlich schwerer verläuft und zwei bis drei Wochen dauert, führen zwar zu ähnlichen Krankheitszeichen wie Husten, Schnupfen, Kopfschmerz und Fieber. Von ihren Erregern her unterscheiden sie sich jedoch wie Quecksilber und Quacksalber.

So hat sich der Erkältungskranke zumeist mit Coxsackie-, Rhino- oder Adeno-Viren angesteckt. Den Vergrippten hingegen plagen völlig andere Erreger, nämlich Influenza-Viren, die ihrerseits in sehr vielen Spielarten auftreten können und im wesentlichen zwei Gruppen (A und B) zugeordnet werden. Das Immunsystem "erkennt" die Grippe-Viren vor allem an zwei Strukturelementen, die stäbchenartig aus der Virus-Hülle herausragen: an dem Hämagglutinin (H), mit dem sich die Parasiten an den befallenen Zellen festhaken, und an der Neuraminidase (N), einem Enzym, das für die Ausbreitung des Virus im Körper zuständig ist.

Allein von den Hämagglutininen gibt es nicht weniger als 13 biochemisch verschiedene Subtypen, bei den Menschen kommen jedoch nur H1, H2 und H3 vor. In den letzten Jahren waren vor allem Influenza-Viren mit den Bezeichnungen H1N1 und H3N2 der Gruppen A und B aktiv. So wurde in Frankreich, in jüngster Zeit aber auch vereinzelt in Hannover und Berlin, die H1N1-Variante isoliert. Die Warnung, daß eine Grippewelle bevorstehen könnte, ist also berechtigt.

Die Virusgrippe ist nicht wie eine Erkältung nur lästig, sie ist eine ernste, schwer zu behandelnde Krankheit. Eine ursächliche Therapie wie bei bakteriellen Infektionen gibt es für Viruskrankheiten noch nicht. Wenn der Arzt dennoch Antibiotika verschreibt, zum Beispiel sehr wirksame Ofloxazine, dann um zusätzliche bakterielle Infektionen etwa der Atemwege zu bekämpfen, die sehr häufig bei einer Influenza ausbrechen. Hinter etwaigen Kopfschmerzen kann sich auch eine Hirnhautentzündung, eine gefährliche Meningitis verbergen.