Von Ulrich Horstmann

Karl Markus Michel, seines Zeichens Kursbuch- Herausgeber, liebt das Umsteigen und reist problemlos auch auf Gleisnetzen anderer Spurweite. Nur erster Klasse muß es schon sein: Tansatlantik, FAZ-Magazin und wie die Salonwagengesellschaften sonst noch heißen. Dieser Umtriebigkeit verdankt eine Vielzahl mal unterhaltsam ausschweifender, mal kabbalistisch-vertrackter Artikel ihre Existenz, die er jetzt aus der Zerstreuung versammelt und in Buchform zusammengestellt hat.

Das war ein Fehler – genau wie der flügellahme Titel des Ganzen, dem er im Vorwort denn auch nur mühsam höheren Sinn abringt. "Von Eulen, Engeln und Sirenen" will er künden, und geht die Sache gleichwohl an, als sei er von allen guten Geistern verlassen. Die Texte sind sämtlich, wie es einmal selbstkritisch bei Musil heißt, "für Zeitungen geschrieben worden, mit ihrem unaufmerksamen, ungleichen, dämmerig-großen Leserkreis". Und weil das so ist, nimmt die Umbettung zwischen zwei Buchdeckel für die Mehrzahl der Arbeiten die endgültige Beisetzung vorweg.

Warum ist der scharfsichtige Karl Markus Michel blindlings in die Falle getappt? Weil wir alle ohne einen besonderen Schutzengel den Sirenenklängen des Nachruhms wenig entgegenzusetzen haben? Vielleicht. Vielleicht aber auch deshalb, weil uns die Fehler der anderen am ehesten ins Auge springen, wenn es unsere eigenen sind. Die Philologien gefallen sich in gigantomanen Werkausgaben und anderen Formen editorischer Elefantiasis. Michel läßt sich nicht blenden, erinnert an das Endresultat abgeschlossener "Jahrhundertprojekte": "Tatsächlich aber pflegte die Forschung über Hegel oder Hölderlin oder Hotzenpotz zu versiegen, sobald die entsprechende Ausgabe vorlag: als wäre die Thesaurierung ein Endzweck." Doch wie um den Irrweg nochmals zu veranschaulichen, kompiliert und thesauriert er gleichzeitig seine eigenen Produkte.

"Die Unsterblichkeit ist dahin, seit wir nicht mehr in Ewigkeit rechnen, sondern in Halbwertzeiten." Wieder wahr, allzu wahr! Die Strahlungsintensität des Feuilletons hält sich bekanntlich bis zur nächsten Ausgabe, dann fällt sie rapide ab. Angesichts anderer nicht oder nur schwer abbaubarer Zivilisationsprodukte muß das inzwischen als geradezu vorbildliche Eigenschaft gelten. Welcher Teufel reitet Michel, die Vorteile seines Mediums hinzugeben für den "Modergeruch, der aus alten Texten aufsteigt" und der ihm "würziger" dünkt als der "Wind der heutigen Post-Botschaft"?

Nein, es konnte nicht gutgehen mit dieser Operation, bei der nichts herausgenommen, entfernt und beschnitten, sondern das genau gegenteilige Verfahren praktiziert wurde. "Ich habe", so Michel, "überall dort auf das ursprüngliche Manuskript zurückgegriffen, wo mir seine Weitschweifigkeit kurzweiliger erschien als die für den Druck gekürzte Fassung."

Erneut diese Sehstörung in eigener Sache, deren Folge ein Wälzer ist, der das Zeug zum Bestseller hätte, wenn wir alle regelmäßig mit der Transsib unterwegs wären. Wie die Dinge stehen, werden die meisten von uns die Erfahrung der Zeitdehnung, eines endlos dahinratternden Stillstandes nie machen. Doch halt – literarisch vermittelbar wäre sie schon. Man gebe sich einen Ruck, öffne in Michels Kurswagen die Abteiltür mit der Aufschrift "Kasuistische Exerzitien" oder "Archive des Jüngsten Gerichts" – und schon schwappt eine Langeweile über einem zusammen, wie sie den Reisenden hinter Siwaki und Schimanowsk nicht erbarmungsloser anfallen kann.