Von Mathias Greffrath

Freie Universität Berlin, im Januar

Die Frau am Telephon lacht: "Na klar. Wir sind ja selber überrascht von uns." Und wenn dann ihr Kollege am Telephon die lange Liste der streikenden Institute vorliest – "Die Juristinnen, die Geographinnen, die Physikerinnen, die Geologinnen, die Germanistinnen ... na ja, alle eben" – dann klingt das, weil man die großen I’s nicht hört am Telephon, als lebte man schon im nachpatriarchalischen Zeitalter. Jede Menge Kulturrevolution, in Berlin ist alles wieder ein wenig anders. Und beim ersten Gang durch diese "Befreite Universität", wie sie nun heißt, stellt sich die Ahnung ein, daß nichts zusammenbricht, wenn man die Menschen einmal aus den ordentlichen, hierarchischen Strukturen unseres Alltags entläßt, daß sie es immer irgendwie schaffen, ein funktionierendes Gemeinwesen zu werden, nur ein wenig anders. Die Institute sind, wie üblich bei kleinen Revolutionen, umgetauft: Frida Kahlo, Klaus Störtebeker, Winnie Mandela heißen die neuen Namenspatrone. Fast alles klappt: Die Telephone sind besetzt, überall gibt es Kaffee und Brote, überall werden defekte Kopierer versorgt, eine technisch brillante "Streik-Tagesschau" wandert als Kassette von Institut zu Institut. Ein dezentrales Netz, geknüpft über Telephone, Walkie Talkies und Kuriere kriegt fast alles hin: Pressemappen und nächtliche Patrouillen, Papiere für die "Stunde Null" nach dem Streikende, eine gemeinsame Ausgabe aller vier Streikzeitungen – die "Lieblings-Zeitung" – und eben den Kongreß UN(I)MUT vom 6. bis zum 9. Januar. Innerhalb von ein, zwei Wochen haben die Studenten ihn aus dem organisatorischen (und intellektuellen) Nichts gestampft.

"There is no way to peace, peace is the way" – so steht es in kunterbunten Buchstaben über der Rostlaube, dem breitgestreckten Vorlesungsdampfer südlich vom Dahlemer Museum. Aber das ist nur eine Parole. Rührend selbstgebastelte Plakate weisen den Weg zum UN(I)MUT, zwei Frauen schieben einen großen, packpapierbraunen Pfeil in den Hörsaal, in dem zweitausend Studenten sitzen. Auf den großen Pfeil haben sie viele kleine Pfeile geklebt: jeder zeigt in eine andere Richtung: nach rechts, nach links, nach schräg. Aber der Packpapierpfeil hält sie zusammen. "Alternativen zur Fremdbestimmung" heißt der Kongreß, und zu jedem Nein gibt es bekanntlich viele Jas. In den "Autonomen Seminaren" wird über Gentechnik belehrt, über die Verantwortung des Wissenschaftlers debattiert, aber es gibt auch ein "Jobber-Innen-Plenum", das "Perspektiven des Widerstands gegen den Zwang zur Arbeit" entwickelt. Da wird viel Verschiedenes gesagt, und viel gestammelt, das Niveau mancher Debatten ist teilweise grauenvoll niedrig. Aber wer das sagt, sollte gleich dazu sagen, warum es so ist.

"Wir arbeiten basisdemokratisch", sagen die beiden schwarzgekleideten Rednerinnen, die den Kongreß eröffnen. "Es ist schwierig, mit dieser für uns neuen Art von Entscheidungsfindung umzugehen." Sie sagen es zögernd, aber dann sagen sie: "Untragbare Zustände wie Umweltzerstörung, Rüstung, Atomindustrie und sämtliche Formen von Unterdrückung, wie patriarchalische Herrschaft, Ausländerinnenfeindlichkeit, auch Faschismus und Rassismus, hängen zusammen und gehen uns alle an." Solche Sätze meinen sie groß und ernst, aber gleichzeitig lachen sie darüber, weil sie merken, wie groß es klingt. Auf kämpferische Parolen reagieren diese Studenten mit milder Ironie; und den New-Age-Fundamentalisten, der 5000 Jahre Unterdrückung mit "Kreativität" weichspülen will, den lassen sie nicht weiterreden. All die alten Wörter – "Bourgeoisie", und "weg mit" und die ganze Solidaritätsadressen-Lyrik – bringen das Auditorium zum Lachen. Sie suchen etwas Konkretes, und auch den Soziologen Wolfgang Nitsch, der ihnen ihre Zukunft erklärt, von der Bedrohung der Naturwissenschaftler durch die "Destruktivkräfte" spricht und von der Verführung der Geisteswissenschaftler, zu einem Teil des kulturellen "Entsorgungs- und Verdrängungsapparates" zu werden – auch ihn fragen sie sehr schnell nach den nächsten Schritten.

"Eines haben diese Studenten mit unserer Industriegesellschaft gemeinsam", sagt der Germanist Eberhard Lämmert, einstmals Präsident der Freien Universität. "Sie entwickeln Verfahren, ohne zuerst Inhalte zu entwickeln." Stimmt. Aber das geben die Biologinnen und Medizinerinnen, die Juristinnen und Germanistinnen auch bereitwillig zu. Aber so fragmentarisch ihre Utopien einer Universität, an der man wieder lernen kann, so klar sind ihre Neins. Sie wollen, so beschloß es eine Universitäts-Vollversammlung, Viertelparität in allen universitären Gremien, eine Fünfzig-Prozent-Quote für Frauen, die Gleichstellung von Ausländern und Erleichterung für Behinderte; sie fordern Transparenz der Drittmittelforschung und Öffentlichkeit der "An-Institute" (meist als GmbHs organisierte Gemeinschaftsunternehmen von Wirtschaft und Universität). Und sie fordern die Rücknahme der Beschlüsse des Universitätskuratoriums, die Anfang Dezember die Berliner Studentenbewegung ausgelöst hatten.

In Berlin ist alles etwas anders, und alle Versuche der Administration, die sozialen Probleme der Studenten in den Vordergrund zu schieben, können das nicht verdecken. Ende November gelang es einer Mehrheit konservativ-technokratischer Professoren durch eine Abstimmung im Kuratorium der Universität, das Lateinamerika-Institut, in dem bisher historische, politische und philologische Beschäftigung mit Süd- und Mittelamerika integriert war, organisatorisch zu schwächen. Gleichzeitig beschlossen sie die kurzfristige Zwangsintegration zweier seit mehr als einem Jahrzehnt rivalisierender Psychologischer Institute und die Zerreißung eines Fachbereichs, in dem bislang Philosophie, Soziologie und Psychologie zusammengespannt waren – gegen den erklärten Willen fast aller Professoren dieses Fachbereichs, ohne innere Begründung, und allenfalls verstandlich als ein Versuch, dem Präsidenten genehme Fachbereichsmehrheiten zu erzielen. Ein Stück Rache für 68 das Ganze, und Teil jener Politik, mit der die CDU unter den Senatoren Kewenig und Turner die FU ins finanzielle, organisatorische und intellektuelle Elend manövriert hat. Bei wichtigen Haushaltsentscheidungen wurde die FU gegenüber der Technischen Universität unterprivilegiert; und innerhalb der FU trugen die nichtmedizinischen Fächer den Löwenanteil der Last; und davon wieder die Sozial- und Geisteswissenschaften den Hauptteil. Um 60 Millionen wurde der Etat der FU seit 1981 gekürzt; gleichzeitig stieg die Zahl der Studierenden von 47 000 auf 60 000.