Bei uns in Bonn geht es manchmal zu wie im wirklichen Leben. Wenn der Bundespräsident wie jetzt gerade wieder seinen Neujahrsempfang gibt für Große und Kleine, für Parteivorsitzende und Verbandsfunktionäre, für Menschen wie dich und mich, ohne allen Unterschied, Ausländer inklusive, dann spürt man das so richtig. In der Villa Hammerschmidt, melden die Nachrichtenagenturen also, haben sich Spitzenpolitiker und "einfache" Bürger eingefunden, um dem Präsidentenehepaar zu gratulieren. Das Wörtchen "einfach" ist in Anführungszeichen gesetzt, aber Spitzenpolitiker wird in der Agenturfassung ohne Gänsefüßchen geschrieben. Was ist einfach am einfachen Bürger, was ist Spitze am Spitzenpolitiker? Einfach ist der Feuerwehrmann aus Remscheid, der nach dem Flugunglück Hilfe geleistet hat. Spitze ist, sagen wir mal, Helmut Kohl, der starke Kanzler (minus zehn Pfund, die er sich abhungerte). Spitze ist auch Hans Daniels, Bonns Oberbürgermeister, der dem Präsidenten als erster gratulierte, wie wir der Lokalzeitung entnehmen. Unterhalten haben sich die beiden über das Jahresthema, die 2000-Jahr-Feier der Stadt. Von Spitzenpolitiker zu Spitzenpolitiker, drum herum die einfachen Bürger, früher das gemeine Volk, und wir, die darüber schreiben.

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Denjenigen, die ein bißchen skeptisch auf die Hauptstadt blicken – gelegentlich dringen Gerüchte darüber sogar bis zu uns vor –, sei dringend empfohlen, in der offiziellen Festjahres-Broschüre der Stadt (Bonn ist 2000) zu blättern. Was für eine Stadt! Römisch. Kurfürstlich. Französisch. Preußisch. International. Musikstadt. Wissenschaftsstadt. Polis am Rhein. "Wenn Lady Di das Kußmund-Fähnchen schwenkt, wenn der Bundespräsident mal eben beim Gemüsehändler auftaucht, wenn der Norbert Blüm im ‚Marktkrug‘ ein Kölsch an der Theke ausgibt, ist das für den Bonner keine Sensation, sondern selbstverständlich", schreibt der Spitzensprecher der Stadt. Er faßt zusammen: "Ja, Bonn ist Lebensfreude. Bonn steckt an. Und Bonn mag sich, das ist wohl das Entscheidende."

Vor zwanzig Jahren wollte die Stadt einmal ihren neunzehnhundertsten Geburtstag feiern, die letzten hundert Jahre sind also ziemlich schnell verstrichen. Den Hinweis auf diese Merkwürdigkeit enthält ein Fernsehfilm über "Bonn 2000. Geschichte und Geschichtchen einer alten Haupt-Stadt" (ARD, 19. Januar, 20.15 Uhr) von WDR-Redakteurin Sabine Rollberg.

Sie zeigt nicht die Image-Probleme der Stadt, die so dringend eine 2000-Jahres-Feier brauchte, um sich endlich anerkannt zu fühlen. Sie betrachtet auch nur am Rande das Regierungsviertel mit seinen einfachen Spitzenpolitikern ohne Bürger. Vielmehr zeigt sie Bilder aus der Geschichte, verführerisch schöne Bilder (So ist Bonn? Das alles gibt es bei uns?). Sabine Rollberg vergißt nicht den Hinweis, daß die regierende CDU bei den Kommunalwahlen in diesem Jahr die Dankbarkeit des einfachen Wahlbürgervolkes für die vielen Jubiläumsveranstaltungen erhofft.

Gründlicher geht der Film ein auf die Geschichte der Stadt im Dritten Reich: Thomas Mann, dem der Ehrendoktor aberkannt wird, die Uni als "Mittäter des Regimes", besonders dank ihres erbbiologischen Instituts; und schließlich die Klinikleitung, die im Jahr 1950 im Düsseldorfer Euthanasie-Prozeß freigesprochen wurde. Die Botschaft des Films lautet, ein bißchen ironisch, unaufdringlich und milde: Bonn ist eine ganz normale Stadt, mit einer ganz normalen Geschichte, besonders auch in der Hitler-Zeit. Und sie geht mit ihrer Vergangenheit eben auch ganz "normal" um, leider.

Heute abend muß ich doch unbedingt noch einmal bei meinem einfachen Gemüsehändler vorbeischauen. Vielleicht, wer weiß, kauft der Präsident gerade Radieschen.

Gunter Hofmann