Ein ZEIT-Gespräch mit Saul Bellow

Von Willi Winkler

WILLI WINKLER: Mr. Bellow, Sie leben seit Jahrzehnten in Chicago – wie halten Sie das bloß aus?

SAUL BELLOW: Ich halte mich gern an Nelson Algren, der gesagt hat: Meine Liebesaffäre mit Chicago dauerte vierzig Jahre und fand nie Erfüllung. Man wird überhaupt nicht wahrgenommen.

Aber Sie sind doch ein weltberühmter Autor?

Da bin ich mir gar nicht so sicher. Heute morgen las ich in der Zeitung einen Artikel über den Cliffdwellers Club von Chicago. Der Club wurde zwar von Romanciers gegründet, heute gehört ihm aber kein einziger Schriftsteller mehr an. Das sind alles Ärzte und Anwälte, die sich für gebildet halten, weil sie Latein und Griechisch gelernt haben und einander Essays vorlesen. Mit einem echten Schriftsteller würden sie nichts zu tun haben wollen, der wäre ihnen zu banal.

Aber Sie leben trotzdem hier und nicht etwa in New York.