War da was?

Der Jahresbericht des Österreichischen Bundestheaterverbandes, der die Redaktion dieser Zeitung jedes Jahr (unverlangt und unbezahlt) erreicht, ist ein erstaunliches theaterhistorisches Dokument. Nicht nur wegen seiner brisanten Statistiken (s.o.), nicht nur wegen seines immer geschliffenen Vor- und Grußwortes. Sondern auch wegen seiner faktenreichen, schonunglos der Wahrheit verpflichteten Wortbeiträge. Nehmen wir nur den Bericht über Schicksale und Zeitläufte des Burgtheaters zwischen dem "1. September 1987 und dem 31. Juni (!) 1988". "Das Burgtheater hat wieder eine eigene Tageskasse im Haus" – mit dieser erregenden Nachricht aus dem September beginnt die Chronologie. Am 28. Oktober spricht Claus Peymann "in der Volksschule Scheibbs über seine Arbeit am Burgtheater", am 10. Dezember "spricht Claus Peymann im Club Alpha über seine Theaterarbeit", am 6. Januar strahlt das Österreichische Fernsehen Thomas Bernhards "Ritter Dene Voss" in einer Inszenierung Claus Peymanns aus, am 17. Februar bricht sich der Schauspieler Fritz Schediwy in einer Vorstellung von Shakespeares "Der Sturm" (Inszenierung Claus Peymann) den Knöchel, für den März fehlt jede Meldung von Claus Peymann, im April entdeckt das Burgtheater eine neue Spielstätte (für eine Inszenierung von Claus Peymann), am 20. Mai "diskutiert Claus Peymann mit Schülerinnen der Bundeserziehungsanstalt Schloß Traunsee / Gmunden", am 21. Juni "bedankt sich das Publikum mit halbstündigen Ovationen" für Claus Peymanns Inszenierung der "Hermannsschlacht", und dann ...

Und dann, nach einer atemberaubenden Jagd von Höhepunkt zu Höhepunkt, ist die Burgtheaterchronologie leider auch schon beendet. Der lesende Kritiker schließt beglückt das Buch und beschließt, beim nächsten Anruf des Burgtheaterdirektors Claus Peymann demselben seinen persönlichen Glückwunsch für die so trefflich gelungene Chronologie auszusprechen.

Aber halt! War da nicht noch etwas mit dem Wiener Burgtheater, just in jenen unvergeßlichen Tagen im Mai, als Claus Peymann mit den Schülerinnen der Bundeserziehungsanstalt Schloß Traunsee über Claus Peymann diskutierte? Gab es da nicht in irgendeiner Zeitung irgendein Interview und danach irgendeinen kleineren Skandal? Der Bundestheaterbericht weiß nichts davon (und also wollen auch wir nichts wissen). Aus Diktaturen kennt man das ja: daß unerquickliche Ereignisse aus Chronologien getilgt, unliebsame Personen von Photos wegretuschiert werden. In Gorbatschows. Sowjetreich macht man so etwas heute wohl nicht mehr, in Peymanns Burgtheaterreich noch immer. Das muß etwas bedeuten. Aber was? Näheres in unserer Ausgabe vom 31. Juni 1989.

Die unendliche Kiste

Wieviele Ecken hat eine Kiste? Das hängt von der Kiste ab. Manche haben zwei Ecken, und dann hilft uns das Rowohlt-Buch Die Zweierbeziehung. Hat die Kiste hingegen drei Ecken, mag das Buch Eifersucht von Nutzen sein, das uns Lösungsversuche im Beziehungsdreieck anbietet. Mit fürchterlich vielen Ecken haben wir es zu tun, wenn Frauen zu sehr lieben (Rowohlt), oder wenn Männer sich nicht binden wollen (Droemer Knaur). Wenn Liebe keine Zukunft hat, dann haben wir es zweifellos mit der unendlichen Kiste zu tun. Es war, dies lehrt der Rückblick auf die vergangene Buchsaison, eine harte Zeit. Aber auch das Frühjahrsprogramm der deutschen Verlage zeigt leider: Wir sind noch nicht hindurch. Noch wartet auf uns (bei Diana) die Angst vor der ewigen Liebe, es warten die Bindungsphobien der Manner. Und was, so fragen wir uns furchtsam, machen wir bloß, wenn Liebe zur Sucht wird (Heyne), wenn Liebe nur noch Schmerz bedeutet (Scherz Verlag)? Dann hat die Kiste keine Ecken mehr, dann ist sie nur noch ein großes Loch. Und dann passiert, was nach all dem namhaft gemachten Leid passieren mußte: Wenn Frauen toten... (Herbig). Ja, dann gibt es wohl Tote. Und dann sind wir natürlich sehr dankbar für dieses Buch: Kein Grund zur Panik – Leben und Lieben der reifen Frau, mit dem uns Nymphenburger beschenkt, und hoffnungsfroh greifen wir zu Ehrenwirths Erster Hilfe Lieben kann man lernen. Da hätte denn die Kiste endlich alle ihre Ecken wieder. Da setzen wir den Deckel drauf, schnappen uns Econs Angebot Der Sinn des Lebens für 29,80 DM und nageln die Kiste zu, ein für allemal.