Von Bernhard Wördehoff

Über Richard v. Weizsäcker, den Bundespräsidenten, seinen älteren Bruder Carl Friedrich, den bedeutenden Physiker und Philosophen, über beider Vater Ernst v. Weizsäcker, von 1938 bis 1943 Staatssekretär bei Hitlers Außenminister Ribbentrop, sowie über des Diplomaten Bruder Viktor, den geistig so vielseitigen Mediziner, weiß die interessierte Öffentlichkeit umfassend Bescheid. Sie alle haben einen Platz in der Zeitgeschichte. Über ihr Leben und Wirken ist umfänglich geschrieben worden. Ihre eigenen Lebenszeugnisse liegen vor.

Die Weizsäckers erschöpfen sich in ihnen nicht. Auch für die Zeit gekrönter Herrscher in Deutschland nennen Nachschlagewerke drei Namensträger W.: den Theologen Carl Heinrich (1822 – 1899), seinen Bruder Julius, den Historiker (1828 – 1889); und den letzten königlich-württembergischen Ministerpräsidenten Karl v.W. (1853 – 1926), der 1916 in den erblichen Freiherrnstand erhoben wurde (so daß sein Enkel Richard 1920, kurz nachdem die Weimarer Verfassung Adelsstand und -titel abgeschafft hatte, als erster Freiherr v.W. geboren wurde).

Ein Buch über diese lexikalisch registrierten Weizsäckers präsentiert Martin Wein und nennt es "Die Weizsäckers. Geschichte einer deutschen Familie". Der Autor führt Zitate von Görres, Schopenhauer und Franz Rosenzweig für die biographische Geschichtsschreibung ins Feld. Der Anspruch seiner Familienchronik, Abbild der letzten 150 Jahre deutscher Geschichte zu sein, ist aber wohl zu hoch gegriffen. Die als Beleg dafür genannte Verstrickung der Familie Weizsäcker "im Auf und Ab der deutschen Geschichte" wäre so für viele Familien festzustellen, deren Vertreter öffentlich wirksam waren. Das liegt nun mal in und an der deutschen Geschichte.

Sinn findet das Buch – warum es verschweigen? – durch die Person des sechsten Bundespräsidenten und dessen überragende Popularität. Sie ist verständlich. Der Hausherr der Villa Hammerschmidt hebt sich vor der Bonner Kulisse politischer Glaubwürdigkeitsverluste und abgeflachter grauer Politikerprofile glänzend ab. Zwar wird die öffentliche Anteilnahme an Richard v. Weizsäcker gelegentlich auch vom Mißverständnis genährt, das Staatsoberhaupt der Republik sei als eine Art Ersatzmonarch Objekt für eine die Familie einschließende Hofberichterstattung. Aber (und das rechtfertigt Weins Unterfangen) das Interesse an den geistigen Quellen, aus denen die Generation der heutigen, so wirksamen Weizsäckers stammt, darf das Publikum durchaus mit Richard v. Weizsäcker teilen. Der hat sich, auf die Prominenz seiner Familie angesprochen, bei anderen Gelegenheiten eher reserviert gezeigt: Es handle sich um ganz normale Existenzen durchweg regionaler Wirksamkeit.

Zutreffend gewiß für die frühen Weizsäckers, dem fürstlichen Mundkoch Gottlieb Jacob Weidsäcker (1736 – 1798) und jenen anderen des "Müllergeschlechts" auf dem Wege "Von der Mühle auf die Kanzel". Solche Mitteilungen aus einer verzweigten Stammtafel sind vermutlich dankbar aufgenommener Stoff der Familienforschung, der bei den Treffen des Familienverbandes den Familiensinn anregt, den durch ihre Teilnahme auch Richard und Carl Friedrich v. Weizsäcker bekunden.

Die biographischen Darstellungen Martin Weins über die sieben regional und überregional berühmten Weizsäckers aber, die den größten Teil des Buches ausmachen, kommen dem Anspruch auf Auskunft über deren Leben und Wirken und damit über die geistigen Quellen entgegen, auf die die ungewöhnliche Wirksamkeit Carl Friedrich und Richard v. Weizsäckers und ihre Bedeutung auch zurückzuführen sein mögen. Schlußfolgerungen in diese Richtung überläßt der Autor, wohl auch wegen ihrer Anfechtbarkeit, dem Spürsinn des Lesers. Wein fühlt sich Ranke verpflichtet: zu schildern, "wie es eigentlich gewesen ist". So vermittelt er uns in sieben personalen Weizsäcker-Geschichten personalisierte Geschichtssegmente. Jedem seiner biographischen Porträts fügt er einen Text der Porträtierten bei. Sie lassen die Gelehrten, Beamten, Politiker in ihrer Zeit und ihrem Verständnis aufscheinen. Und sie alle, protestantische Konservative und Bürger von mehr oder minder liberaler Gesinnung, stets moderat im Handeln, verbindet die Verpflichtung im Gemeinwohl, wie sie es nach bestem Wissen und Gewissen verstanden haben.

Das Buch von Martin Wein vermittelt durch seine Fülle von (zum Teil bislang unbekannten) Details Zeitkolorit deutscher Geschichte. Die Faszination, die sich beim Leser nicht immer leicht einzustellen vermag, liegt in der Entwicklung, die diese außergewöhnliche deutsche Familie bis auf den heutigen Tag zurückgelegt hat.