Stuttgart

Vor dem Altar der Stuttgarter Sankt Josefs-Kirche macht der Herr in der mattgrünen Soutane wahrhaftig eine gute Figur. Mit beiden Händen stützt er sich auf die Kanzel, reckt den Kopf der Gemeinde entgegen und erzählt von "christlichen Urerfahrungen". Vom täglichen Brot ist da die Rede, vom Reich Gottes und von der Vergebung der Schuld. Kein Zweifel, Prälat Anton Bauer ist ein wortgewaltiger Prediger. Doch wenn er von Schuld spricht, denkt man unwillkürlich an jenen Skandal, der unter dem Stichwort "Caritas-Affäre" in die badenwürttembergischen Kirchenanalen eingehen wird.

Der Prälat, bis vor zwei Jahren noch Regionaldekan und graue Eminenz unter Stuttgarts Katholiken, ist tief gefallen. Er hat zwar als Geistlicher einen stets untadeligen Lebenswandel geführt; in seiner Funktion als Stuttgarter Caritas-Vorsitzender ist er allerdings vom Pfad der Tugend abgewichen. 1,4 Millionen Mark soll er sich aus verbandseigenen Mitteln zugeschustert haben; nicht um sich persönlich zu bereichern, sondern weil ihm das katholische Schriftgut im vorwiegend evangelischen Württemberg so sehr am Herzen lag. Mit geradezu missionarischem Eifer hatte der Prälat über Jahre hinweg eine ganze Büchereikette aufgebaut, die "Religiöse Bildungsarbeit RBA", mit Hauptsitz in Stuttgart und größeren Filialen in Schwäbisch Gmünd, Ravensburg, Heilbronn und Heidenheim. Pastorale Meditationstexte wurden dort vertrieben, auf Hochglanz gedruckte Bittgesänge und besinnliche Traktate. War es nun verlegerisches Unvermögen oder schwäbisches Desinteresse an katholischer Erbauungsliteratur – jedenfalls wollte das bibliophile Missionswerk des Prälaten einfach keine Früchte tragen.

Als der Verlag in wirtschaftliche Nöte geriet, machte Bauer die Stuttgarter Caritas sukzessive zum Hauptgesellschafter. Er kaufte für 600 000 Mark Verlagsanteile auf und verschaffte sich zusätzlich ein Caritas-Darlehen in Höhe von 800 000 Mark. Und weil die linke Hand nicht wissen sollte, was die rechte tut (Matth.6, V.3), hatte der Caritas-Vorstand von Bauers Subventionen keine Ahnung.

Um ganz würdigen zu können, was unter der Amtsführung des Prälaten Bauer alles möglich war, muß man sich noch einmal die Fälle Herbert Eisner und Peter Weigand ins Gedächtnis rufen. Als Verwaltungsleiter der Stuttgarter Caritas prellte Elsner seinen Verband um insgesamt 3,3 Millionen Mark, Exdirektor Weigand sahnte immerhin nur 250 000 Mark ab. Dabei ging es ihnen im Gegensatz zu Anton Bauer weniger ums Ideelle. Sechs Jahre lang, von 1979 bis 1986, leistete sich Eisner einen ausgesprochen aufwendigen Lebensstil. In unregelmäßigen Abständen fälschte er Rechnungsbelege für Wohlfahrtsprojekte und kassierte die vorgetäuschten Beträge per Verrechnungsscheck ab. Savoir vivre auf Caritas-Kosten: Da gab es Kreuzfahrten in die Karibik, Familienurlaub auf den Bahamas, schnelle Autos und eine 580 000 Mark teure Terrassenwohnung für die ehemalige Sekretärin und Geliebte.

Peter Weigand blieb da vergleichsweise bescheiden. Er hatte sich eigenmächtig eine Gehaltserhöhung von 7000 auf 10 000 Mark genehmigt, einen 200 000 Mark hohen Kredit eingestrichen und nebenbei noch eine Risikolebensversicherung über 500 000 Mark abgeschlossen.

Schon 1985 war der Diözese Rottenburg-Stuttgart offenbar bekannt, daß es im Caritas-Verband der Landeshauptstadt nicht so ganz mit rechten Dingen zuging. Ein kirchlicher Revisor hatte bei einer Kassenprüfung Fehlbeträge beanstandet und das bischöfliche Ordinariat informiert. Aber bis März 1986 hüllte die Kirche den Mantel des Schweigens über die peinlichen Vorgänge. Erst als nichts mehr zu retten war, als immer mehr Presseberichte veröffentlicht wurden und die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnahm, mußten Eisner, Weigand und Bauer ihre Ämter räumen.