Von Keto von Waberer

Wer, wie ich, die leise Atmosphäre in der Frauensauna gewohnt ist, setzt sich etwas befremdet zwischen nackte Männer auf die altvertrauten Holzbänke. Denn heute ist Familientag im Neptunbad, auch Kinder kriechen zwischen den nackten Beinsäulen ihrer Erzeuger herum. Wo sonst schweratmende Großmütter einen feuchten Lappen unter die linke Brust klemmen und flüsternd von ihrer Operation berichten, herrscht heute ein sportlicher Ton, der gesundes Körpergefühl signalisiert. Man weiß, was einem guttut, einen fit macht, und man läßt es sich angedeihen. Mit Haltung.

Neugierig, aber gleichwohl rasch und unauffällig, mustern sich die Frauen, zumeist nur jene aus der gleichen Altersgruppe. Je nachdem, wie der Vergleich dann ausfällt, drückt sich dies dann in der Haltung aus.

Männer mustern andere Männer kaum, dafür die Frauen, und zwar unverhohlen, nackt genauso wie angezogen. Ihre Blicke streifen fachmännisch die wichtigsten Punkte. Aber ich halte trotzig durch und starre meinerseits provokativ auf die "Gegenstelle". Es ist erstaunlich, mit welcher Vielfalt an Farben und Formen Mutter Natur diese Region ausgestattet hat. Männer hab’ ich noch nie keusch die Beine kreuzen sehen. Eher umspielt ein zartes Lächeln ihre Lippen, wenn sie sich so betrachtet fühlen. Da unterscheiden sich die Geschlechter doch recht deutlich, und ich spreche nicht nur von der Form.

Die meisten Männer mustern mich prüfend und kalt, es ist ihr Recht. So begutachtet der Fachmann einen Schinken: zu fett? Schon trocken? Zu stark geräuchert? Zart, daß er auf der Zunge zergehen wird? Die einzigen, die mir dabei in die Augen schauen, sind zwei Ausländer, vielleicht Griechen oder Türken. Ihre Blicke sagen mir, du gefällst mir, mit uns könnte was laufen, und mir sind diese Blicke weniger unangenehm als die satte und feinschmeckerische Arroganz der anderen. Aber vielleicht liegt es auch daran, daß viele Männer hier in Gruppen zusammenkleben und sich keine Blöße geben wollen. Seltsam, wie sich die Atmosphäre im Schwitzraum und in der Naßzone, wie es so schön heißt, verändert, wenn Männlein und Weiblein gemeinsam schwitzen. Die Lässigkeit, mit der die Frauen sonst herumliegen, sich kratzen, die Haare aufwickeln und sich kichernd gegenseitig betasten, ist wie weggeblasen. Im Ruheraum liegt keine unter einer ockerbraunen Gesichtsmaske verborgen, und keine reibt sich mit Öl ein, langsam und sorgsam, jede Falte und jede Erhebung.

Die Männer nehmen das Saunen ernst. Sie stolzieren auch ohne Kleider gemessen von der Dusche zum Wasserbecken. Sie stellen sich einander vor und werfen sich in die Brust beim Händedruck. Markige Worte fallen. "Heute drei Kilo abgeschwitzt, schöne Leistung", "Der Kreislauf jubelt", "Entgiften im Winter, das ist unerläßlich".

In der Frauensauna herrscht wohltuende Entspannung, die alten verknitterten Großmütter seifen sich gegeseitig den Rücken ein und springen im Luftraum wie Medauschülerinnen mit schwingenden Armen hin und her. Dicke Frauen thronen zufrieden und demütig unter der Last der Hitze. Ihr Blick sagt: Ja, ich hab’s wieder nötig, ich weiß schon. Junge Mädchen studieren mit wissenschaftlichem, aber ganz unbefangenem Auge die verschiedenen Alterungsstufen von Körpern, aber das scheint niemanden zu stören. Da ist niemand, mit dem man konkurrieren müßte oder vor dem man sich zu schämen brauchte. Man muß nicht glänzen und etwas beweisen.