Zwei Finanzskandale erschüttern die sozialistische Regierung

Von François Seine

Zuerst stellte sich der Minister vor seinen Kabinettschef: "Ich bin ausschließlich von ehrlichen Personen umgeben", dann der Regierungschef vor seinen Minister: "Er hat mein volles Vertrauen." Sogar der Staatspräsident meldete sich zu Wort und drückte dem Minister seine "Achtung und Dankbarkeit" aus. Anlaß für diese Ehrenerklärungen waren die beiden Polit- und Finanzaffären, die derzeit in Frankreich Wirtschafts- und Finanzminster Pierre Bérégovoy und seinen Kabinettsdirektor Alain Boublil arg in Mißkredit gebracht haben. Beobachter ziehen schon Parallelen zum Panama-Skandal und zur Stavisky-Affäre, die Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg beziehungsweise Anfang der dreißiger Jahre erschütterten, Pleiten, Morde und Selbstmorde nach sich zogen. Doch so dramatisch wird es dieses Mal, nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge jedenfalls, nicht werden.

Bei der ersten Affäre geht es um auch in Frankreich untersagte Insider-Börsengeschäfte, und zwar im Zusammenhang mit der Übernahme des US-Verpackungsherstellers American National Can (ANC) durch die staatliche französische Industriegrüppe Pechiney. Bei der zweiten um den (vorerst?) gescheiterten Versuch des französischen Geschäftsmanns und Financiers Georges Pebereau, mit finanzieller Hilfe der bedeutendsten öffentlichen Kapitalsammelstelle des Landes, der Caisse des Depots et Consignations (CDC), die Kontrolle über die vor rund eineinhalb Jahren privatisierte französische Großbank Société Générale an sich zu reißen.

Der Pechiney-Coup, mit dem sich das französische Staatsunternehmen weltweit an die Spitze der Verpackungsindustrie katapultierte, war am Montag, dem 21. November 1988, offiziell bekanntgegeben worden. Drei Tage zuvor, abends um 19.00 Uhr und somit nach Börsenschluß, hatte Pechiney-Präsident Jean Gandois seinen Verwaltungsrat von dem bevorstehenden Erwerb von hundert Prozent der Aktien der US-Gruppe Triangle Industries, der die ANC gehört, informiert. Eine halbe Stunde vorher hatte er sich – Staatsunternehmen verpflichtet – grünes Licht von Wirtschafts- und Finanzminister Bérégovoy für sein Projekt geben lassen. Rund 1,26 Milliarden Dollar war Gandois der Kauf von Triangle wert; 56 Dollar legte der Staatsbetrieb für jede Triangle-Aktie auf den Tisch, deren Kurs bis dahin in Wallstreet bei rund zehn Dollar herumgedümpelt war.

Informationen von Insidern

Wenige Tage später signalisierte der gefürchtete "Gendarm von Wallstreet", die Securities and Exchange Commission (SEC), ihrem vergleichsweise harmlosen französischen Pendant, der Commission des Operations de Bourse (COB), daß bei dem Kauf der Triangle-Papiere einiges faul gewesen sei. Mehrere Personen hätten sich wenige Tage vor Bekanntgabe des streng geheimgehaltenen Abkommens mit Triangle-Aktien zu zehn Dollar eingedeckt, um sie am 21. November zum Preis von 56 Dollar abzustoßen. Auf die Spur dieses höchst ertragreichen Geschäfts hätten sie nur durch Informationen von Eingeweihten (Insidern) gesetzt werden können, schloß die SEC. Insgesamt habe das verbotene Insider-Geschäft 200 000 Triangle-Titel betroffen.