Stoff für politisches Kabarett in Bonn, denkt man und blickt sich um, wird täglich neu frei Haus geliefert. Da muß man kaum texten, man braucht nur zu zitieren. Ganz so hält es die "Endgültige Jubiläumsrevue" im Bonner "Pantheon die 2000 Jahre Bonn und 40 Jahre Bundesrepublik zum Thema macht, zwar nicht gerade, aber sie bleibt eng an der Wirklichkeit.

Gutes politisches Kabarett ergibt sich schon, wenn man zum Beispiel die Rede Philipp Jenningers vom 9. November nur ganz leicht paraphrasiert. Auch das ist in der Jubiläumsrevue zu sehen. Diese merkwürdigen Fragen zum Beispiel: "Hitler, was war er? Anstreicher? Kunstmaler? Reichskanzler? Führer? War das deutsche Volk nicht begeistert? Stellte es sich nicht aller Welt als Faszinosum dar? War nicht gerade Hitlers Frauenlosigkeit ein Grund für viele Exzesse? Hätte denn ...? Hat denn nicht...?" Eine Jenninger-Rede im "Pantheon", die gutes politisches Kabarett war, nur in leicht modifizierter Fassung der Rede aus dem Parlament gleich nebenan.

Einen Refrain auf die Liebe der Bonner Stadtväter zu Potsdam und zur DDR haben sich die Bonner Kabarettgruppen, "Theater Lichterloh", "Thalias Transit", "Schröders Roadshow" (Musik: "Ton, Steine, Scherben") ausgedacht. "Bevor es zur Partnerschaft mit Potsdam, kommt, eine Frage: Wo bleibt unsere praktische Solidarität? In der DDR gibt es kaum Zitrusfrüchte ... Das bedeutet Vitaminmangel bis hin zum Skorbut. Unsere Kinder werden uns einmal fragen: Was hast du getan?"

Ein Merk-Datum aus der Bonner Geschichte: Vor zwei Jahren, die Kabarettisten erinnern daran, ohrfeigte der Generalmusikdirektor Kuhn (a.D.) den Generalintendanten Jean Claude Riber. Zum Bonner Ruhm über die Stadtgrenzen hinaus trug das mehr bei als viele wilde Bundestagsschlachten. Oder, noch bedeutsamer – "hiermit möchten wir der Ohrfeige gedenken, die Kurt Georg Kiesinger von Beate Klarsfeld erhalten hat". Die Kabarettisten legen ein paar Schweigesekunden ein.

Bonn als Sujet für das politische Kabarett: Ein gefundenes Fressen, sollte man meinen, aber es ist nicht so. Die Revue im "Pantheon" oder die Kabaretts, die gelegentlich in der "Brotfabrik" zu sehen sind, das alles sind eher Ausnahmen. Politiker als Zuschauer trifft man dort übrigens kaum an, von ein paar Grünen abgesehen. "Gezielte Belustigung auf Widerruf", hat Klaus Budzinski kürzlich im Vorwärts seine kleine Geschichte über den Weg des politischen Kabaretts ins Getto-Dasein betitelt. Merkwürdigerweise ist es wirklich ein Weg an den Rand oder ins Abseits, obwohl doch ein Massenpublikum im Fernsehen hinzugewonnen worden ist. Ist es gerade das Fernsehen, welches das Kabarett um seine Schärfe bringt? Oder liefert Bonn nur Stoff für die Fastnachtsnarren? Und Kohl, über den es so viele Witze gab, die sich inzwischen abgenutzt haben, wieso läßt sich daraus kein richtiger Funke im Kabarett schlagen? Satire brauche einen Gegner, sonst sei es keine, schreibt der Kabarettist Dietrich Kittner.

Die "Springmaus" ist eine Bonner Kleinkunstbühne, die es in sich hat. Aus der Lage des politischen Kabaretts haben die "Springmäuse", wie jetzt gerade in einer Benefiz-Gala zur Rettung des Theaters zu sehen, ehrliche Konsequenzen gezogen. Der einzige Politiker, den sie sich an diesem Abend beiläufig vorknöpften, war Bildungsminister Möllemann. Sonst beschränken sie sich auf politikferne Szenen und Improvisationen. Das ist witzig und professionell, ganz gewiß. Aber irgendwie erscheint es auch eigenartig, gerade in Bonn. Im Regierungsviertel geht es ja oft genug komisch zu, aber warum steckt es nicht an? So kommt es, daß die Wirklichkeit oft kabarettreif ist, aber wo das Kabarett zum Alltag wurde, steckt darin keine Herausforderung mehr.

Gunter Hofmann